Letztes Update am So, 14.04.2019 12:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ukrainische Präsidentenwahlen - Selenskyj weiterhin Favorit



Kiew (APA) - Wenige Tage vor dem zweiten Durchgang der ukrainischen Präsidentenwahlen deutet vieles darauf hin, dass Fernsehkabarettist Wolodymyr Selenskyj am 21. April die Wahlen gewinnen dürfte. Bei Amtsinhaber Petro Poroschenko hofft man weiter auf alles entscheidende „Debatten“ mit Selenskyj, die es aber womöglich nicht geben wird. Diskussionen darüber dominierten auch den Wahlkampf der letzten Tage.

Um Wolodymyr Selenskyj zu überzeugen, am 14. April öffentlich mit ihm im Kiewer Olympiastadion zu diskutieren, hatte sich Präsident Poroschenko am Donnerstagabend in die Höhle des Löwen gewagt.

Uneingeladen war er ausgerechnet bei „1+1“ aufgetaucht - dem Fernsehsender des umstrittenen Oligarchen Ihor Kolomojskyj unterstützt Selenskyj - und hatte dort kategorisch verlangt, seinen Konkurrenten zu sprechen. Dieser befand sich bereits in Paris, wo er am nächsten Tag - wie auch Poroschenko - den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron treffen sollte.

„1+1“ erreichte den Herausforderer am Telefon und die beiden Präsidentschaftskandidaten fielen einander unfreundlich ins Wort. Selenskyj selbst ließ keinen Zweifel, dass er am Nachmittag des 14. April nicht mit dem amtierenden Präsidenten sprechen wolle. „Jetzt werde ich das Gespräch beenden. Am 19. April im Olympiastadion. Punkt“, sagte er genervt und unterbrach die Telefonverbindung.

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Tags danach begründete Selenskyj seine Ablehnung des 14. April auch mit „Geheiminformationen“, über eine gegen ihn geplante „Provokation“. Poroschenkos Anhänger wollten am Sonntagnachmitttag dennoch ins Stadion pilgern. Am 19. April Tag will Poroschenko indes mit seinem Gegner einstweilen nicht im Stadion diskutieren, weil die staatliche Wahlkommission eigentlich eine Konfrontation im Studio des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vorschreibt.

Selenskyjs rüder Umgangston am Telefon, den unter anderem die unterlegene Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko kritisierte, hat ihm jedenfalls nicht geschadet: Nach der virtuellen Begegnung verschlechterten sich nach Angaben ukrainischer Wettbüros Poroschenkos Chancen, wiedergewählt zu werden, merklich. Waren sie zuvor 3,5 Mal weniger als eine Wahl des Herausforderers liegt der Faktor nun bei 4.

Journalisten begründeten die Verschlechterung unter anderem damit, dass das Verhalten des Herausforderers in den Augen vieler Ukrainer von der Chancenlosigkeit des Amtsinhabers zeuge. Laut zuletzt veröffentlichten Umfragen wollten am nächsten Sonntag 50 Prozent der Wähler für Selenskyj stimmen, Poroschenko würde derzeit indes nur auf 20 Prozent der Stimmen kommen.

Nicht geschadet haben Selenskyj bisher auch aktuelle Vorwürfe, dass er etwa 2014/2015 vier Stellungsbefehle ignoriert habe oder dass ein Jurist Kolomojskyjs eine zentrale Rolle in seinem Wahlkampfteam spielen würde.

Auch Verdächtigungen, dass der Präsidentschaftskandidat drogenabhängig sei, änderten nichts. Letzteres hatte er freilich selbst in einer Videobotschaft an Poroschenko ins Spiel gebracht, in der er eine öffentliche Diskussion im Olympiastadion nach absolvierten medizinischen Tests forderte.

Das wahrscheinliche Kalkül des Herausforderers dürfte dabei aufgegangen sein: Die ukrainische Öffentlichkeit schien sich in den letzten Tagen mehr mit Diskussionen über eine geplante Diskussion sowie mit den Umständen von Blutabnahmen der beiden Spitzenkandidaten zu beschäftigen, denn mit ernsthaften politischen Fragen selbst. „37 Prozent der Wähler Selenskyjs treten für einen NATO-Beitritt ein, 37 Prozent für eine Neutralität des Landes. Um nicht einen Teil seiner Wähler zu verlieren, will er meines Erachtens nicht klar Position beziehen“, erklärte die ukrainische Soziologin Iryna Bekeschkina am Freitag gegenüber dem Onlinemedium censor.net.

Während der Präsident selbst spektakuläre politische Schritte unterließ, wiederholten seine Wahlkämpfer in den letzten Tagen eher verzweifelt jene Argumente, die schon im ersten Wahlgang viele Ukrainer nicht überzeugt hatten: In manchen ukrainischen Städten tauchten etwa Plakate auf, die den Präsidenten gemeinsam mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin und den Worten „Eine entscheidende Wahl“ zeigten.

Prominente Anhänger Poroschenkos warfen Selenskyj zudem eine antiukrainische Haltung vor. „Er hasst das Ukrainische“, schrieb der Parlamentarier Wolodymyr Arjew auf Facebook mit Verweis auf ein humoristische Sujet, in dem sich der nunmehrige Präsidentschaftskandidat im Jahr 2014 über nationale Werte lustig gemacht hatte. Arjew befürchtete zudem, dass sich durch eine Wahl Selenskyjs zum Präsidenten jene historischen Szenarien wiederholen könnten, in denen die Ukraine ihre Freiheit an Russland verloren hatte.

(Alternative Schreibweisen: Wladimir Selenski, Igor Kolomojski, Irina Bekeschkina, Wladimir Arjew)




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