Letztes Update am Mo, 15.04.2019 09:53

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Staatsballett - Aufbruch in die Moderne, 40 Jahre danach



Wien (APA) - William Forsythe, Hans van Manen, Jiri Kylian. Der neue Dreiteiler am Wiener Staatsballett klingt wie ein Schnellkurs in europäischer Ballettmoderne - und ist es auch. Gestern, Sonntag, war Premiere im Haus am Ring: Eine sehr ordentlich gearbeitete, späte Kanonisierung von nicht mehr neuem Repertoire - vor einem schmerzlich leer stehenden Orchestergraben.

Vom Skandal um Übergriffe und Drill, denen Kinder an der hauseigenen Ballettakademie unterworfen sein sollen, war dieser neue Beitrag zum Programm nur milde überschattet: Stehen doch die Erneuerer der 1970er und 1980er Jahre, die das Ballett von der Handlung und die Primaballerina vom strengen Regiment des Bravour-getriebenen Spitzentanz-Marathons mit schmerzverzerrtem Dauerlächeln befreit haben, für einen modernen Tanzbegriff, der sich dem Tänzer als Persönlichkeit zuwendet, statt in ihm ein austauschbares, auf uniforme Höchstleistung getrimmtes „Material“ zu sehen. Mit einer Huldigung an seine formverspielten, expressiven Freidenker kann doch das unverbrüchliche Traditionsformat des klassischen Balletts aufzeigen und sagen: Auch wir haben uns weiterentwickelt.

Allein: wir schreiben das Jahr 2019. Mit 40 Jahre alten Stücken (Kylians „Psalmensymphonie“ entstand 1978) lässt sich Fortschrittlichkeit nicht gut unter Beweis stellen, der späte Eingang dieser fast schon museal gewordenen Klassiker in den heimischen Kanon lässt einen echten Diskurs über die Bedeutung des Repertoires für den Hochleistungssport Ballett eigentlich nicht zu. Das Staatsballett hat andernorts - etwa mit dem abendfüllenden modernen Handlungsballett „Peer Gynt“ von Edward Clug im Vorjahr - bereits eindrucksvoll gezeigt, dass es zeitgenössisch sein kann. Dass es Tänzer hat, die Rollen statt nur Tutus zu füllen wissen. Das gelingt diesmal nur stellenweise.

Etwa Denys Cherevychko, Richard Szabo und Geraud Wielick in Hans van Manens humorvollem „Solo“, das neben der rasanten Choreographie von der verschmitzten Kollegenschaft der drei Solisten lebt und zum einsamen Höhepunkt des Abends gerät. Starke Momente finden sich auch in Kylians „Psalmensymphonie“, wenn zum biblischen Pathos in Strawinskis Chor-Lamento das Urmenschliche verhandelt wird, der Einzelne, das Paar, die Gruppe, Fallen und Aufheben, Flucht und Gebet, Verlorengehen und Händchenhalten. Forsythes „Artifact Suite“, die den Anfang macht, wirkt dagegen beliebig und dekorativ. Mit flirrender Spannung, aber ohne allzu präsente Charakteristik kommt van Manens „Trois Gnossiennes“ daher - der einzige Moment an diesem Abend, in dem in der Wiener Staatsoper Live-Musik erklingt. Ballett-Korrepetitorin Laurene Lisovich spielt Erik Satie.

Sonst kommt alles vom Band. Bach, nochmal Bach und Strawinski. Nathan Milsteins eigenwillige Interpretation der Solo-Chaconne, Leonard Bernstein am Pult des London Symphony Orchestra. Tolle Aufnahmen, ohne Zweifel. Nahezu unmöglich, sie hier live aufzuführen, unerwünscht von den Choreografen, nicht zu erarbeiten für die Tänzer. Aber so verständlich die Gründe auch sind: Man möchte und sollte in der Wiener Staatsoper nicht (fast) ausschließlich mit Musik vom Tonband konfrontiert werden. Der Orchestergraben klafft als schmerzliche Lücke.

(S E R V I C E - „Forsythe / van Manen / Kylian“. Weitere Vorstellungen am 17., 20., 27., 30. April. Wiener Staatsballett. www.wiener-staatsoper.at)




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