Letztes Update am Mo, 15.04.2019 11:05

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Vergangenheit, die nicht vergeht: Der Roman „Mein Name ist Judith“



Wien (APA) - In ein dunkles Kapitel der Geschichte Wiens, das niemals vergessen werden sollte, und in eines der nahen Zukunft, das uns hoffentlich erspart bleibt, führt der neue Roman von Martin Horvath: „Mein Name ist Judith“ ist eine komplexe Geschichte aus Erinnerung und Trauer, in der sich Figuren der Vergangenheit materialisieren und Literatur große Kraft zugesprochen wird. Ein ungewöhnliches Buch.

Martin Horvath, Wiener des Jahrgangs 1967, arbeitete nach seinem Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst zunächst als Musiker. 2012 erschien sein Romandebüt, „Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten“, in dem er anhand der Bewohner eines Heims für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Asylalltag und Schelmenroman zu verbinden versuchte. Nicht nur in einem apokalyptischen Epilog machte er damals deutlich, wie sehr er sein literarisches Schreiben auch als politisch versteht.

„Mein Name ist Judith“ schließt dort an. In dem Wien der nahen Zukunft, in dem sein zweiter Roman spielt, stehen alle Zeichen auf Repression und Autoritarismus. Nach Anschlägen - bei einem sind Frau und Tochter des Ich-Erzählers Leon Kortner ums Leben gekommen - patrouillieren Soldaten durch die Stadt, ist die Immigration quasi zum Erliegen gekommen und engen immer neue Gesetze den Lebensraum der hier lebenden Flüchtlinge zunehmend ein. Eine Parallele zu den antijüdischen Repressalien im Wien der 1930er-Jahre, in das der zweite Handlungsstrang führt. In Kortners Wohnung lebte früher die jüdische Familie Klein, die im Haus eine Buchhandlung betrieb. Diese zwei Zeitebenen vermischen sich durch einen gewagten erzählerischen Trick: Leon erscheint ein Gespenst.

Plötzlich taucht Esther, die zehnjährige Tochter der Kleins, in Leons Wohnung auf. Sie war einst von ihren Eltern mit einem Kindertransport nach Holland geschickt worden, wo sich ihre Spur verlor. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie bei einem Bombenangriff auf Rotterdam ums Leben kam. Sie scheint ein ganz reales kleines Mädchen, spricht mit Leon und macht sich Hoffnungen, ihre Eltern wiederzusehen. Doch sie kommt und verschwindet unversehens, auf nicht nachvollziehbaren Wegen.

Leon ist Schriftsteller und trägt unverkennbare Züge seines eigenen Autors. Horvath hat während eines fünfjährigen New-York-Aufenthalts an einem Forschungsprojekt zur Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration in die USA gearbeitet, hier unzählige Schicksale kennengelernt und viele Migranten persönlich gesprochen. Die Familie Klein steht nun stellvertretend für die damals Vertriebenen. Auch Leon war in New York, hat viele Gespräche geführt und sich in die Enkelin des vertriebenen Buchhändlers verliebt. Auch sie heißt Judith.

Wie die damals abgerissene Liebesgeschichte wieder aufgenommen wird, wie diese mittlerweile geschiedene Judith und ihre Tochter Miriam Leon helfen, die Trauer um seine ums Leben gekommene eigene Frau und Tochter zu überwinden, wie Literatur aufs Leben zurückwirkt und wie sehr sich die Arbeit Leons an seinem Roman in den Roman selbst einschreibt, das ist souverän gemacht und ringt Respekt ab.

In sein Buch hat Martin Horvath aber auch Kurzgeschichten eingearbeitet, die noch eine zusätzliche Ebene eröffnen. Eine davon ist die letzte Erzählung des nach Auschwitz verschleppten Max Klein, in der er schildert, warum er sich danach allem Erzählen verweigerte. Es ist ein intensiver Text, in dem sich alles umkehrt: Erzählen kann nicht nur Leben retten, sondern auch Leben kosten. Alleine für diese 15 Seiten lohnt die Lektüre des Buches.

(S E R V I C E - Martin Horváth: „Mein Name ist Judith“, Penguin Verlag, 364 Seiten, 22,70 Euro)




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