Letztes Update am Mo, 15.04.2019 22:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Unersetzliche Verluste durch den Brand des Steffls



Wien/Paris (APA) - Wie durch ein Wunder war der Stephansdom während der Kriegsjahre beinahe unbeschädigt geblieben. Erst am 6. April 1945 krachte eine Bombe in das Dach - dort wo 1683 ein türkisches Geschoß getroffen hatte - und durchschlug das Gewölbe des südlichen Seitenschiffes des Langhauses. Auch die Kämpfe im Stadtgebiet überstand der Steffl zunächst ohne größere Zerstörungen. Erst zivile Plünderer lösten in der Nacht auf den 12. April 1945 jenen Feuersturm aus, dem auch der gotische Dom zum Opfer fiel.

Wehrmacht und Rote Armee kämpften am 11. April um den Übergang über den Donaukanal, als gegen Mittag das Gerücht aufkam, SS-Einheiten würden einen Gegenstoß über die Augartenbrücke unternehmen. Teile der sowjetischen Artillerie wurden daraufhin vom Stephansplatz zurückgezogen. Kurze Zeit war dieser zentrale Bereich der Innenstadt ohne jede Kontrolle. Unbekannte hissten auf dem Dom eine weiße Flagge, während zivile Plünderer in die umliegenden Geschäfte eindrangen und offenbar Feuer legten. Diese Brände - u.a. am Stock im Eisen-Platz, am Stephansplatz, in der Singerstraße und Kärntner Straße - breiteten sich rasch aus. Der Wind und die gewaltige Sogwirkung der erhitzten Luft bewirkten einen gewaltigen Feuersturm.

Immer wieder wurden vom Südwestwind Feuerflocken vom Teppichhaus Haas über den Dom geweht, doch alle Brandherde im Dach konnten mit Hilfe von Feuerpatschen vorerst gelöscht werden. Aber die verzweifelten Bemühungen, das Gotteshaus zu retten, blieben in der Nacht letztendlich erfolglos, da die Wasserleitungen zerstört waren und die abziehende SS alle Löschgeräte mitgenommen hatte.

Brände am Nord- und Südturm entstanden am 12. April, das Gebälk des einzigartigen Dachstuhls brannte ab. Die zweitgrößte Glocke des Doms, die zehn Tonnen schwere „Halbpummerin“ im Nordturm, fiel in das linke Querhaus. Dort wurde das Wimpassinger Kreuz, eine monumentale toskanische Arbeit des Mittelalters, ein Raub der Flammen. In den Vormittagsstunden brach - vermutlich durch ein Übergreifen vom Dach - ein Brand im Glockenhaus der Pummerin aus. Ungefähr um 14.30 Uhr war es so weit: Die mit 20.000 Kilogramm schwerste Glocke Österreichs stürzte mit grauenhaftem Getöse in die Tiefe und zerbarst am großen Gewölbering der Turmhalle, auf deren Gewölbe ein kleiner Teil der Trümmer liegenblieb. Der Rest wurde von Schutt bedeckt und dadurch vor dem Schmelzen bewahrt. So konnte die Pummerin 1951 wenigstens zum Teil aus dem alten Material neu entstehen.

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Kurz nach Mittag sank der Dachreiter über dem Hochaltar um. Stück um Stück fielen Teile des riesigen Gebildes unter furchtbarem Lärm zusammen, bis schließlich das ganze Dach in sich zusammensackte. Glut fiel auf die große Orgel und ein Regen geschmolzenen Zinns ging in das Kirchenschiff nieder.




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