Letztes Update am Di, 16.04.2019 11:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Das Rennen um die Börse der Zukunft hat begonnen



Zürich (APA/awp/sda) - Die Pläne zum Aufbau neuer „Blockchain“-Börsen für digitalisierte Vermögenswerte werden konkreter. Während etablierte Börsenbetreiber vor allem Kosten senken wollen, halten ambitionierte Start-ups an ihrer Vision des „Finanzsystems 2.0“ fest. Zuerst braucht es aber noch grünes Licht der Behörden.

Der Wettlauf um die Börsen der Zukunft ist im vollen Gange. Nach der Schweizer Börsenbetreiberin SIX kündigte unlängst auch die Deutsche Börse zusammen mit der Swisscom den Aufbau neuer Börseninfrastrukturen an, die auf der Blockchain oder genauer gesagt auf der Distributed-Ledger-Technology (DLT) basieren. Beide Projekte sollen noch in diesem Jahr starten.

Die Idee dahinter: Den Handel mit Aktien und anderen Wertpapieren vor allem schneller und kostengünstiger zu gestalten. Bei DLT handelt es sich um eine Form der Datenverarbeitung und -speicherung, die durch ihren dezentralen Ansatz ohne Kontrollinstanz auskommt. Alle Teilnehmer verfügen über das gleiche „verteilte“ Kontobuch.

Auf diesem Prinzip basieren auch Kryptowährungen wie Bitcoin. Im Gegensatz zu zentral verwalteten Datenbanken kommen DLT-Strukturen ohne „letzte Instanz“ des Vertrauens aus. Alle Daten werden von allen Nutzern gespeichert, plausibilisiert und für gültig erklärt.

Denkbar ist zudem, dass jeglicher Vermögenswert in digitale Pendants überführt und damit „tokenisiert“, sprich von einem oder mehreren Token repräsentiert wird. Dies wiederum ermöglichet den Handel von bisher eher illiquiden Werten wie Immobilien oder Aktien von KMU.

„Durch Tokenisierung erhalten Vermögenswerte eine neue digitale Qualität“, erklärte dazu Thomas Zeeb, Head Securities & Exchanges bei SIX. Wer über kein üppiges Budget verfüge und trotzdem das Portfolio diversifizieren wolle, erhalte durch Token neue Möglichkeiten, auch mit kleinen Beträgen zu investieren, warb Zeeb anlässlich der Ankündigung der SIX-Pläne.

Die Vorteile von DLT liegen also auf der Hand: Besitzverhältnisse und Vermögenswerte können fast ohne Zeitverzögerung, teure Gebühren und langwierige Abwicklungszeiten gehandelt werden. So zumindest die Theorie. In der Realität dürften die Börsenbetreiber vor allem auf Kostensenkungen aus sein. Denn laut SIX soll die neue DLT-Infrastruktur von der Herausgabe über das Clearing bis zum Settlement und der Verwahrung die ganze Wertschöpfungskette des Handels mit Wertschriften abdecken. Millionen von Franken, die zuvor als Sicherheiten von Finanzintermediären hinterlegt werden mussten, würden so nicht mehr benötigt.

Börsenbetreibern wäre es somit mittels „privaten“ Blockchains möglich, ohne Intermediäre den Handel günstiger und schneller zu gestalten. Daher sprechen die Initianten der SIX Digital Exchange (SDX) bewusst von einer geschlossenen DLT-Infrastruktur und nicht von Blockchains wie etwa beim Bitcoin, die geringere Zugangsschranken kennen.

Der Aufbau von geschlossenen Systemen bringt laut Kritikern aber auch Probleme: „Ich sehe eine gewisse Gefahr, dass man stellenweise zu wenig weit geht“, sagte Fabian Schär, Professor am Center for Innovative Finance (CIF) der Universität Basel.

Derzeit würden verschiedenste Technologien unter dem Begriff DLT subsumiert, darunter auch Systeme, die potenziell zu neuen Abhängigkeiten führen könnten. „Nur weil irgendwo DLT draufsteht, ist das System deswegen nicht automatisch offen und dezentralisiert“, betonte er auf Anfrage der Schweizer Nachrichtenagentur AWP.

Bei Netzwerken mit Zugriffsbeschränkungen stelle sich etwa die Frage, wer den Teilnehmerkreis bestimme. „Noch kritischer wird es beim Konsensprotokoll, also bei der Art und Weise, wie sich das Netzwerk auf den aktuellen Stand der Datenbank einigt“, warnte Schär. Hier gebe es ebenfalls höchst zentralisierte Ausprägungen.

Daher glauben andere wie der Gründer des Zürcher Unternehmens Lykke, Richard Olsen, dass man mit der Blockchain-Technologie die Finanzwelt viel fundamentaler wandeln sollte als es die etablierten Börsenbetreiber vorhaben. Olsen schwebt nichts anderes als eine Art „Finanzsystem 2.0“ vor.

Der oft als „Urgroßvater der Blockchain-Branche“ bezeichnete Olsen ist davon überzeugt, dass „künftig jeder Stuhl, jeder Sitzplatz im Flugzeug, jedes Hotelbett tokenisiert und damit übertragbar gemacht wird“, wie er im Gespräch mit der AWP erklärte.

Angesprochen auf die Pläne der großen Börsen meinte Olsen, der auch an der Universität von Essex lehrt, dass diese zu wenig radikal vorgingen: „Es handelt sich einfach nur um alten Wein mit etwas neuerer Infrastruktur“.

Dass die neuen Handelsplätze der etablierten Börsen auf „privaten“ Blockchains mit kleinem Teilnehmerkreis basieren sollen, will dem Lykke-CEO nicht einleuchten: „Diese Debatte klingt für mich so wie in den Anfangszeiten des Internets, wo viele Unternehmen noch ein ‚privates Internet‘ machen wollten“.

Bevor die „Börsen der Zukunft“ von SIX und Co. aber den Handel aufnehmen können, bedarf es aber ohnehin noch der Zustimmung der Regulierungsbehörden. Noch rechtlich ungeklärt sei etwa die Übertragung von Token, die Wertpapieren entsprechen. Dazu brauche es etwa eine Anpassung des Obligationenrechts. Ebenfalls geregelt werden muss auch der Konkursfall eines Token-Anbieters.




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