Letztes Update am Di, 16.04.2019 11:48

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Notre Dame - Domschule der Kathedrale war „die Wiege der Universität“



Paris/Wien (APA) - Die geistesgeschichtliche Bedeutung von Notre Dame habe insbesondere auch mit ihrer Rolle in der Geschichte der Universitäten zu tun, erklärte der Kirchenhistoriker Rupert Klieber von der Universität Wien im Gespräch mit der APA. „Die Pariser Universität ist aus der Domschule hervorgegangen und hat von dort aus den Siegeszug durch Europa angetreten.“

Damit sei Notre Dame nicht nur die „Wiege der Universitäten“, sondern auch der gesamten abendländischen theologischen Tradition. „Das Modell, Vernunft und Glauben in der Theologie zusammenzudenken, hat von dort seinen Ausgang genommen, die Magistri und Scholaren von Notre Dame waren einflussreich in ganz Europa“, sagte Klieber.

Die theologischen Konzepte, die in Paris entwickelt wurden, waren allerdings auch maßgeblich „für die bauplastische Ausgestaltung, etwa der Bildwerke an den Westportalen“, erläuterte Barbara Schedl, Kunsthistorikerin für das Mittelalter an der Uni Wien, gegenüber der APA. Komplexe theologische Zusammenhänge, etwa „zum Verhältnis von Körper, Seele und Auferstehung, das in dieser Zeit ganz neu gedacht wurde“, finden sich in Darstellungen der Portale eingearbeitet. Dazu gab es Bemühungen, diese Konzepte durch Kleriker den Laien zu erklären. In dieser Hinsicht sei das Gebäude auch ein geistesgeschichtliches Dokument.

Seine Bedeutung für die mittelalterlich katholische Kirche Frankreichs könne man gar nicht hoch genug einschätzen. „Es war auch für das 12. und 13 Jahrhundert ein wirklich gigantisches Bauwerk“, so Schedl. „Man muss bedenken: Der Papst selbst war bei der Grundsteinlegung anwesend.“ Im Gegensatz zu St. Denis, wo die französischen Könige ihre Grablegung und zu Reims, wo sie ihre Krönung feierten, hatte Notre Dame wenig mit dem französischen Königshaus zu tun, sondern sorgte hier eher für ein Gleichgewicht zwischen Kirche und Krone. „Und da hat man von kirchlicher Seite wirklich geprotzt.“ Insbesondere die Steinmetze von Paris galten als Meister ihrer Zunft und wurden auch beim Bau anderer Sakralbauten eingesetzt - sowohl beim Stephansdom als auch bei der Minoritenkirche in Wien wurden Pariser Steinmetze zugezogen.

Ursprünglich nicht in Notre Dame aufbewahrt wurde die wertvollste Reliquie, die gestern aus der brennenden Kathedrale gerettet wurde: Die Dornenkrone, im 13. Jahrhundert von Ludwig IX. vom byzantinischen Kaiser in Konstantinopel gekauft und nach Paris gebracht. „Das war ein gewaltiges Ereignis, wie man es sich heute vermutlich kaum vorstellen kann“, betont Schedl. Eigens für die Aufbewahrung der Dornenkrone ließ der König die kunsthistorisch ebenfalls bedeutende Sainte-Chapelle erbauen.

Unter den Reliquien, mit denen damals ein reger Handel betrieben wurde, gelten die sogenannten Passionsreliquien, die also unmittelbar mit dem Leiden und Sterben Jesu Christi zu tun haben sollen, als wichtigste überhaupt - mit der Bedeutung der Dornenkrone vergleichbar wäre nur etwa der Abendmahlskelch in Valencia oder die Kreuz-Teile in der römischen Basilika Santa Croce in Gerusalemme, so Rupert Klieber. „Gerade in der Karwoche besitzen diese wichtigsten Reliquien der mittelalterlichen Welt natürlich eine hohe Symbolkraft.“ Von der Sainte-Chapelle nach Notre Dame wurde die Dornenkrone vermutlich während der französischen Revolution übersiedelt.

Der Wiederaufbau der Kathedrale dürfte eine „nationale Kraftanstrengung“ werden, so Klieber. „Da kommt es auch auf das Geschick an, mit der so eine Solidaritätsaktion gemacht wird. In der Nachkriegsnot in Österreich haben zum Wiederaufbau der Kirchen alle zusammengeholfen, Einzelpersonen, Bundesländer, Gemeinden, Vereine.“ Im Falle von Notre Dame könne man auch annehmen, dass sich übernational etwa Ritterorden oder andere kirchliche Einrichtungen beteiligen werden. Die Finanzmittel der katholischen Kirche werden dezentral, zumeist auf diözesaner Ebene, verwaltet und kommen nicht aus Rom.




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