Letztes Update am Di, 16.04.2019 11:51

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kleine Ablenkung - große (Unfall-)Wirkung



Wien (APA) - Werden während einer Autofahrt vom Lenker fahrfremde Tätigkeiten ausgeführt, leiden Abstand, Spurhaltung und Reaktionsschnelligkeit. Das spiegelt sich in der Unfallstatistik wider: Mit mehr als 38 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden im Jahr 2017 führen „Unachtsamkeits-/Ablenkungsunfälle“ laut Statistik Austria die Ursachenliste an, stellte der ÖTC am Dienstag in einer Aussendung fest.

Es sind es nicht nur Smartphone und Navi, die ablenken. „Alle Tätigkeiten, die nahe dem Lenkrad oder Sitzbereich stattfinden, können wertvolle Reaktionszeit zur Unfallvermeidung kosten. Dazu gehören auch Nebenbeschäftigungen wie beispielsweise die Bedienung von Radio oder Bordcomputer, das Suchen und Aufsetzen einer Brille, das Öffnen einer Trinkflasche und Essen“, machte Psychologin Marion Seidenberger aufmerksam.

Jede Aufgabe, auch wenn man sie scheinbar automatisch ausführt, kostet Leistung und Aufmerksamkeit. „Man kann nicht mehrere Aufgaben gleichzeitig und gleich gut bewältigen. Wendet man sich dem einen zu, leidet die Kapazität für das andere. Multitasking funktioniert scheinbar nur, solange alles ‚normal‘ abläuft“, führte die Expertin aus. Trügerisch sei auch ein zu großes Sicherheitsgefühl, was die Vorhersehbarkeit von Ereignissen betrifft. „Subjektiv fühlen sich diese Momente kurz an, objektiv gemessen dauern sie aber einige Sekunden. In diesen Sekunden, in denen man blickmäßig, gedanklich und bedientechnisch nur eingeschränkt ‚funktioniert‘, legt man viele Meter zurück“, betonte Marion Seidenberger.

Die ÖAMTC-Psychologin hat die Auswirkungen bei Echtfahrversuchen gemessen: „Ist man im Stadtgebietsfahrtempo unterwegs, also mit 30 bis 50 km/h, und nimmt eine Brille aus dem Etui und setzt sie auf, legt man in dieser Zeit im Schnitt eine ‚Blindfahrstrecke‘ von mindestens 40 Metern zurück – einige Testfahrer waren sogar über hundert beschäftigt, ohne einen Blick auf die Fahrbahn zu werfen.“ Wer dazu außerdem beide Hände benötigt, kann bis zu sieben Sekunden „freihändig“ on Tour sein. „In dieser Zeit rollt der Wagen ungesteuert durch die Gegend – der Fahrer kann auf unerwartete Situationen nicht mehr adäquat reagieren“, so Seidenberger.

Doch nicht nur Dinge können ablenken, auch Beifahrer können die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ferien sind meist Familien-Reisezeiten, die mit kleinen Kindern an Bord unternommen werden. „Kinder haben andere Bedürfnisse. Auf längeren Fahrten machen sich rasch Langeweile und Unbehagen breit. Hilfreich sind hier ein ruhiger ‚cruisender‘ Fahrstil, eine angenehme Bordatmosphäre, fix eingeplante Bewegungspausen nach etwa eineinhalb bis zwei Stunden Fahrzeit sowie regelmäßige Kontaktpflege mit und Beschäftigung der jungen Beifahrer, beispielsweise mit Filmen, Lesestoff und Snacks. Bei den ganz Kleinen könnte man auch die Fahrzeit auf deren Schlafzeit legen“, so die Tipps der Psychologin.




Kommentieren