Letztes Update am Mi, 17.04.2019 06:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


In 60 Sekunden vom Auto zum Altmetall



Amstetten (APA) - Für ihre 17 Meter ist die 750 PS starke Maschine erstaunlich leise. Sie braucht nur 51 Sekunden, um ein Fahrzeug in kleinste Teile zu zerlegen, und steht auf dem Areal der Recyclingfirma Müller-Guttenbrunn Gruppe (MGG) in Amstetten. Seit 1976 werden hier Altautos und andere Stoffe geschreddert und weiterverwertet.

Zusätzlich sind mehrere Bagger am Werk, um täglich bis zu 400 Tonnen Schrott zu zerkleinern. Sie produzieren mehr Lärm als der Schredder selbst. Mit Greifarmen von fast zwei Metern Durchmesser bearbeiten sie den Schrotthaufen, sortieren ihn oder zertrümmern Autowracks in kleinere Teile, die dann im Schredder landen. Das Bedienen der Bagger am Schrottplatz ist eine reine Männerdomäne.

Bevor ein Auto geschreddert werden kann, wird es gründlich kontrolliert. Es ist schon vorgekommen, dass Katzenbabys in einem Kofferraum gefunden wurden. „Eine Tasche voller Goldbarren war allerdings noch nie drin“, witzelt Philipp Felber, Leiter des Qualitäts- und Umweltmanagements der MGG. Das Auto wird gewogen und auf radioaktive Stoffe kontrolliert. Die Anlage misst gründlich: „Sie hat sogar schon bei einem Lkw-Fahrer angeschlagen, der im Zuge einer MRT-Untersuchung noch Kontrastmittel im Körper hatte“, erzählt Lisa Maria Rainer, eine Mitarbeiterin der MGG.

Anschließend wird das Fahrzeug „trockengelegt“, also von Batterien, Flüssigkeiten wie Benzin, Kühlmittel oder Ölen und Reifen befreit. Von einem Bagger wird das Auto auf das Dach gedreht und martialisch der Tank herausgerissen, bevor es auf einem der vielen Schrotthaufen vor dem Schredder landet. Von einem weiteren Bagger wird es dann auf das Rollband des Schredders gehievt.

Im Schredder angelangt, wird das Altauto zunächst von einer Welle mit 60 gusseisernen Stoßhämmern zerkleinert. Weniger als fünf mg Staub gelangen dabei in die Luft, am Ende landen Eisen-Metalle direkt in den Stahlwerken, Nicht-Eisenmetalle und Kunststoffe in der MGG-Tochter „Metran“ in Kematen an der Ybbs. Kunststoffrückstände verarbeitet die MGG Polymers, ebenfalls in Kematen an der Ybbs, unter anderem zu Kunststoffgranulaten.

95 Prozent eines Altautos können recycelt werden. Der Großteil (70 Prozent) sind Metalle, lediglich fünf Prozent landen auf der Deponie. Pro Fahrzeug können rund 215 kg Rohstoffe gewonnen werden.

Die Wiederverwertung von Autos ist für Felber ein heikles Thema: Denn von jährlich etwa 250.000 abgemeldeten Autos werden hierzulande nur rund 50.000 sachgemäß entsorgt. Der Rest wird oftmals von ihren Besitzern weiterverkauft, aufgrund der verbreiteten, aber falschen Annahme, die Entsorgung von Altautos sei mit hohen Kosten verbunden. Über Zwischenhändler landen so jährlich etwa acht von zehn Autos in Osteuropa und Afrika, wo sie „ausgeschlachtet“, repariert oder oftmals trotz erheblicher Sicherheitsmängel weiter gefahren werden. Wer sein altes Auto unter der Hand für wenig Geld verkauft, trägt aber so unwissentlich zum illegalen Abfallexport bei. „De facto verschwinden so 200.000 Autos und damit über 250 kg Rohstoffe pro Fahrzeug, die der österreichischen Wirtschaft zurückgeführt werden könnten. Die fehlen,“ beklagte auch Stefan Tollinger, NÖ-Vorstand des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB).

Neben den fehlenden Altautos haben heimische Recyclingunternehmen ein weiteres Sorgenkind: falsch entsorgte Lithium-Batterien, die sich selbst entzünden und so ein erhebliches Brandrisiko - nicht nur in Abfallbehandlungsanlagen - darstellen. Heutzutage findet sich dieser bereits sehr aufwendig gewonnene Rohstoff in immer mehr Produkten, von Laptops und Handys bis zur elektronischen Zahnbürste und Kinderspielzeug. Allein in Österreich landen 700.000 Lithium-Batterien im Restmüll, obwohl diese eigentlich in dafür vorgesehenen Sammelstellen zu entsorgen wären.

Ob in Österreich generell genug recycelt werde? „Genug ist immer relativ“, so der VOEB-NÖ-Vorstand. Einerseits sei man hierzulande in einigen Bereichen „top unterwegs“, wie etwa im Metall- oder Altholzrecycling. In anderen, wie dem Recycling von Kunststoff, gebe es noch viel Luft nach oben. Denn Produkte aus Altkunststoff werden bisher von Konsumenten und der Industrie wenig nachgefragt, erklärte er. „Wir brauchen hier Herrn und Frau Europäer, die diese Produkte auch kaufen“, fordert Tollinger. Es brauche ein stärkeres Bewusstsein, dass Erzeugnisse einen Recyclinganteil enthalten - nicht nur im PET-Bereich.




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