Letztes Update am Mi, 17.04.2019 08:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aichners „Kaschmirgefühl“: Telefonsex ohne Sex



Wien (APA) - Ein Bestsellerautor ist Bernhard Aichner geblieben. Sein „Kaschmirgefühl“ ist kurz nach Erscheinen in Österreich bereits unter den Top Ten. Und dennoch ist alles anders. In seinem „kleinen Roman über die Liebe“ möchte der Tiroler beweisen, dass es auch ohne Mord und Totschlag geht. Es wird telefoniert und nicht gestorben.

Unweigerlich fühlt man sich an Daniel Glattauers E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ erinnert, wenn man den reinen Dialogroman zu lesen beginnt. Um 20.15 Uhr ruft Joe bei einer Sexhotline an und beginnt mit Yvonne scheinbar eines jener Gespräche, die idealerweise für beide Seiten befriedigend enden: Lustgefühle gegen Telefongebühren. Beide Seiten wissen: Joe heißt nicht Joe und Yvonne nicht Yvonne. Doch diesmal ist alles möglich.

Weil hier noch ganz altmodisch telefoniert wird, ohne begleitende Videobilder, spielt die Fantasie eine besonders große Rolle. Aichner spielt damit wie seine beiden Hauptfiguren: routiniert, professionell und lustvoll. Ständig wird man mit Bekenntnissen und Selbstaussagen konfrontiert, von denen nicht nur das Gegenüber, sondern auch der Leser weiß, dass ihnen bald wieder der Boden unter den Füßen weggezogen werden wird. Das ist streckenweise durchaus unterhaltsam, kehrt aber recht demonstrativ eine erzählerische Virtuosität hervor, der es nicht um das Was, sondern nur um das Wie geht.

Nach mehreren Volten inklusive kaltem Bad im Eiswasser und heißer Liebesnacht in einsamer Almhütte steuern die telekommunikativen Märchenstunden um 5.46 Uhr einem Endpunkt entgegen, der wohl nur bei sehr romantikanfälligen Lesern das titelgebende „Kaschmirgefühl“ auslösen dürfte. Der Rest könnte sich ähnlich fühlen wie jene, die solche Dienstleistungen in Anspruch nehmen: Nach der Euphorie folgt die Ernüchterung, nach der Täuschung die Enttäuschung. Statt wie versprochen wohlig-flauschig zu sein, juckt und kratzt es dann ein wenig. Ist vielleicht doch mehr Kunstfaser drinnen als gedacht.

(S E R V I C E - Bernhard Aichner: „Kaschmirgefühl“, Haymon Verlag, 188 Seiten, ISBN 978-3-7099-3456-2)




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