Letztes Update am Mi, 17.04.2019 09:26

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ungarn erinnert mit 100 Meter langer Rampe an Trianon-Trauma



Budapest (APA) - Mit dem Bau einer 100 Meter langen Rampe will die ungarische rechtsnationale Regierung des 100. Jahrestages der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Trianon am 4. Juni 2020 gedenken, wie Medien meldeten. Die damalige Zerstückelung des ungarischen Territoriums gilt für viele Ungarn bis heute als nationales Trauma.

Das Projekt „Denkmal der nationalen Einheit“ mit einem Kostenaufwand von rund fünf Milliarden Forint (15,61 Mio. Euro) soll die grenzüberschreitende Einheit der Nation demonstrieren. In die Mauern der unterirdisch verlaufenden, vier Meter breiten Rampe sollen mehr als 12.500 Ortsnamen des Königreichs Ungarn gemäß dem Stand von 1913 eingemeißelt werden, berichtete das Nachrichtenportal „index“, das die Pläne der Anlage erstmals veröffentlichte. Demnach soll die Errichtung bis 31. Mai 2020 abgeschlossen sein.

„Was jetzt gebaut wird, handelt nicht von dem Verlust, sondern von der Zusammengehörigkeit; davon, was uns alle verbindet, egal was in den vergangenen hundert Jahren passiert ist“, erklärte Tamas Wachsler, der Leiter des Programms zur Gestaltung der Parlamentsumgebung, das Konzept des Denkmals gegenüber dem regierungsnahen Blatt „Magyar Nemzet“.

Während die Trianon-Rampe eigentlich den Zusammenhalt verkörpern solle, verwende sie „in Wirklichkeit das Symbol des Abstiegs ins Grab“, schrieb dazu die Online-Ausgabe der regierungskritischen Wochenzeitung „hvg“. Denn komme der Besucher aus dem „Tal des Schmerzes“ wieder ans Tageslicht, solle das „zerstückelte“ Ungarn Trost bieten und nicht eine Rückkehr zurück ins Leben, wie bei der Berliner Holocaust-Gedenkstätte.

Das Portal erinnerte auch daran, dass Regierungschef Viktor Orban statt einer Grenzrevision eher eine engstens kooperierende Region Mitteleuropa vorschwebe - was aber nicht den Erwartungen eines Teils seiner Anhänger entspreche. Gleichzeitig werde er von den Nachbarländern auch ohne Revisionsforderungen „misstrauisch beäugt“. „Der hundertste Jahrestag (von Trianon) trägt für Viktor Orban nur Gefahren in sich, einen Nutzen bringt er gar nicht“, so das Fazit von „hvg“.

2010 wurde der 4. Juni vom ungarischen Parlament zum „Tag des Nationalen Zusammenhalts“ erklärt. Dies löste in den Nachbarstaaten Proteste und Irritationen aus, da sie dahinter Revisionsansprüche befürchteten.

Der Trianon-Vertrag war einer der Pariser Verträge, die den Ersten Weltkrieg formell beendeten. Ungarn gehörte als Teil der Doppelmonarchie an der Seite Österreichs zu den Verlierern des Weltkrieges. Nach den Bestimmungen des Friedens von Trianon wurde Ungarn (ähnlich wie Deutschland in Versailles und Österreich in St. Germain) zu Gebietsabtretungen sowie zu Reparationen gezwungen. Durch den Friedensvertrag verlor das Land 1920 zwei Drittel seines Territoriums und rund ein Drittel seiner ungarischsprachigen Bevölkerung an die Nachbarstaaten. In diesen leben aktuell etwa 2,5 Millionen ethnische Ungarn, die meisten davon in Rumänien (ca. 1,4 Millionen). Die übrigen verteilen sich auf die Slowakei, Serbien, die Ukraine, Kroatien, Slowenien und Österreich. Das mehrheitlich deutschsprachige Westungarn kam infolge des Trianon-Vertrags als das spätere Bundesland Burgenland zu Österreich.




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