Letztes Update am Do, 18.04.2019 16:30

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hamburger Staatsanwaltschaft klagt mutmaßlichen Ex-SS-Wachmann an



Hamburg (APA/AFP) - Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat einen mutmaßlichen früheren SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof angeklagt. Dem heute 92-Jährigen werde Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen, weil er 1944 und 1945 achteinhalb Monate im dem Lager gewesen sein soll, wie die Ermittlungs- und Anklagebehörde am Donnerstag mitteilte.

Nach Einschätzung der Hamburger Ermittler förderte der Beschuldigte die dort auf Befehl der SS-Führung verübten Massentötungen vor allem jüdischer Häftlinge durch seinen Wachdienst, etwa indem er Fluchten und Aufstände verhinderte. Er habe als „Rädchen der Mordmaschinerie“ in dem Wissen um die „Gesamtumstände“ dazu beigetragen, den von höchster Stelle ausgegebenen Tötungsbefehl umzusetzen, erklärten sie.

In den vergangenen Jahren gab es in Deutschland mehrere ähnliche Anklagen und Prozesse wegen NS-Verbrechen gegen frühere Angehörige von Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau und Stutthof. In einigen Fällen wurden Verfahren wegen des Alters der Beschuldigten eingestellt, weil sie nicht verhandlungsfähig waren.

Für die Prüfung der Anklage und einen etwaigen späteren Prozess ist nun eine Jugendkammer des Hamburger Landgerichts zuständig. Der Beschuldigte war laut Staatsanwaltschaft zur Tatzeit zwischen 17 und 18 Jahre alt.

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Im KZ Stutthof bei Danzig hatten die Nazis unter anderem polnische Bürger, sowjetische Kriegsgefangene und Juden eingesperrt, gequält und auf unterschiedliche Arten systematisch getötet. Unter anderem gab es dort eine Gaskammer. Von mehr als hunderttausend Insassen, die nach Stutthof gebracht wurden, starben schätzungsweise 65.000.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden Insassen des Lagers seit Sommer 1944 auf Befehl des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamts in Berlin systematisch in einer Genickschussanlage und einer Gaskammer getötet. Zahlreiche weitere seien durch „bewusste Herbeiführung und Aufrechterhaltung lebensfeindlicher Bedingungen wie Nahrungsentzug und Verweigerung medizinischer Versorgung“ gestorben. Es handle sich dabei um heimtückische und grausame Morde.

Ausgelöst wurden die jüngsten Ermittlungen, Anklagen und Prozesse wegen NS-Verbrechen in Konzentrations- und Vernichtungslagern durch eine geänderte Rechtsauffassung. Bei deutschen Staatsanwaltschaften und Gerichten setzte sich die Auffassung durch, dass unterstützende Tätigkeiten wie Wachdienste im juristischen Sinn als Beihilfe zum Mord zu werten sind. Davor waren meist nur Täter belangt worden, die hohe Positionen innehatten oder sich direkt an Tötungen beteiligten.

Die Tageszeitung „Die Welt“ hatte am Donnerstag zuerst über die Anklageerhebung berichtet. Demnach laufen bei der Staatsanwaltschaft in Hamburg zudem noch Ermittlungen gegen eine ehemalige Angehörige des sogenannten SS-Helferinnenkorps, die einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen in der Schlussphase des Weltkriegs bewacht haben soll.




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