Letztes Update am Fr, 19.04.2019 10:22

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fusionspoker um Deutsche Bank und Commerzbank zieht sich über Ostern



Frankfurt (APA/dpa) - Bei den Fusionsgesprächen von Deutscher Bank und Commerzbank rückt eine Entscheidung näher. Münden die Sondierungsgespräche in konkrete Verhandlungen? Und wird am Ende der von der Politik herbeigesehnte „nationale Champion“ geschmiedet? Oder kommen die Vorstände der beiden Konzerne bereits nach knapp sechs Wochen intensiver Prüfung zu dem Schluss, dass die Banken-Hochzeit keinen Sinn ergibt?

Mitarbeiter und Kunden, Investoren und Aufseher erwarten Klarheit über den weiteren Kurs. In der Woche nach Ostern könnte es so weit sein: Ende März hatte Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner angekündigt, Deutschlands größtes Geldhaus wolle sich im Umfeld der Quartalszahlen zum Stand der Gespräche äußern. Der börsennotierte Konzern veröffentlicht seine Zwischenbilanz nächste Woche Freitag.

Nach Einschätzung von Analysten dürfte die Deutsche Bank heuer in den ersten drei Monaten noch weniger verdient haben als im schon mageren Vorjahresquartal. Analysten rechnen im Schnitt mit 55 Mio. Euro Gewinn. Im ersten Quartal 2018 hatte das Institut 120 Mio. Euro Gewinn ausgewiesen nach 575 Mio. Euro ein Jahr zuvor. Zum Vergleich: Die größte US-Bank JPMorgan Chase steigerte im Zeitraum Jänner bis Ende März 2019 ihren Überschuss auf den Rekordwert von 9,2 Mrd. Dollar (8,2 Mrd. Euro).

Rettet die Commerzbank die Deutsche Bank? In einer größeren Einheit könnten auf Dauer die Kosten deutlich gedrückt werden - dies allerdings wahrscheinlich auch über den Abbau Tausender Jobs und Filialschließungen. Zusammen haben Deutsche Bank und Commerzbank deutschlandweit gut 1.500 Filialen - ohne die Postbank-Standorte. Manche der Geschäftsstellen befinden sich in Gehdistanz zur derzeitigen Konkurrenz - und könnten daher auf die Streichliste kommen.

Die deutsche Gewerkschaft Verdi rechnet im schlimmsten Fall mit dem Abbau von 30.000 Jobs. Ende 2018 hatten die beiden Institute zusammen gut 133.000 Vollzeitstellen. Zunächst würde ein Personalabbau in dieser Größenordnung allerdings viel Geld kosten.

Kräfte zu bündeln dürfte aus Sicht des Managements auch beim Thema Digitalisierung sinnvoll sein. Auf einer gemeinsamen Plattform könnten künftig mehr als 30 Millionen Privatkunden in Deutschland bedient werden, auch im Firmenkundengeschäft hätte ein größeres Institut mehr Schlagkraft gegenüber der Konkurrenz. Teure Vorgaben der Regulierer müssten zudem künftig nur für ein Institut umgesetzt werden, nicht für zwei Großbanken mit ähnlichem Aufwand.

Eine implizite Staatsgarantie hätte ein vereinigtes Institut aller Voraussicht nach auch - was bei der Aufnahme frischer Gelder am Markt helfen würde. Der deutsche Bund ist derzeit mit 15,6 Prozent größter Einzelaktionär der Commerzbank - und vieles spricht dafür, dass der Staat an einem fusionierten Institut beteiligt bliebe.

Denn um nach der milliardenschweren Rettungsaktion für die Commerzbank in der Finanzkrise vor zehn Jahren ohne Verlust auszusteigen, müsste je Aktie ein Preis von etwa 26 Euro erzielt werden, wie aus einer Antwort der deutschen Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht. Zuletzt schaffte es das Papier des im Herbst in den Aktienindex MDax abgestiegenen Instituts knapp über die 8-Euro-Marke. Und kolportiert wird, dass die mit einer Bilanzsumme von rund 1,35 Billionen Euro fast dreimal so große Deutsche Bank nicht bereit sei, im Falle einer Übernahme der Commerzbank die in solchen Fällen übliche Prämie als Aufschlag auf den aktuellen Aktienkurs zu zahlen.

Große Widerstände gegen eine Fusion gibt es in der Belegschaft beider Häuser. Der Gesamtbetriebsrat der Commerzbank hatte den Vorstand des teilverstaatlichten Instituts bereits Ende März aufgefordert, das „Fusionsabenteuer“ zu beenden. Das Vorhaben habe „im Management, bei den Mitarbeitern, in den Gremien, bei den Kunden unserer Bank wie auch in der Gesellschaft keinen Rückhalt“, schrieben die Arbeitnehmervertreter in einer „Protestnote“.

Ein klares „Nein“ gab es auch von Mitarbeitern im Deutsche-Bank-Konzern, die sich an einer Umfrage des dortigen Gesamtbetriebsrats beteiligten: Knapp 70 Prozent der 7.840 Teilnehmer wollen demnach keine Übernahme der Commerzbank. Fast 84 Prozent forderten, zunächst die Integration der Postbank abzuschließen.

Alleine entscheiden werden die Vorstandsgremien um Christian Sewing (Deutsche Bank) und Martin Zielke (Commerzbank) am Ende nicht. Die Manager müssen die Bankenaufseher von Europäischer Zentralbank (EZB), der deutschen Bankenaufsicht Bafin und der Deutschen Bundesbank mit einem tragfähigen Geschäftsmodell überzeugen, das auf lange Sicht höhere Erträge verspricht. Zustimmen müssen auch die Aktionäre - und die stehen nach bisherigen Einlassungen nicht einmütig hinter dem Projekt.

~ ISIN DE0005140008 DE000CBK1001 WEB https://www.deutsche-bank.de/index.htm

https://www.commerzbank.de/ ~ APA084 2019-04-19/10:20




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