Letztes Update am Fr, 19.04.2019 11:40

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300 Jahre „Robinson Crusoe“: ein literarischer Überlebenskünstler



Wien (APA/dpa) - Wer sich in Gedanken eine einsame Insel vorstellt, träumt meist von einem tropischen Paradies. Nicht zuletzt liegt das an Daniel Defoe und seinem Romanhelden Robinson Crusoe, der beinahe drei Jahrzehnte in der Abgeschiedenheit des Ozeans lebte. Vor 300 Jahren (25. April) erschien der Roman in London - und schlug in England wie in der ganzen Welt ein wie ein Blitz.

„Er war enorm erfolgreich“, sagt die Berliner Literaturprofessorin Helga Schwalm. Abenteuergeschichten über Reisen durch die Welt oder sogar bis auf den Mond seien seinerzeit überaus populär gewesen. Die meisten Defoe-Biografen nehmen an, der damals fast 60-Jährige habe seinen „Robinson“ vor allem aus ökonomischen Motiven geschrieben - aber auch im Streben nach literarischem Erfolg.

Und der sollte sich tatsächlich einstellen. Innerhalb von drei Wochen war die erste Auflage vergriffen, wie es im Nachwort der vor kurzem im Verlag Mare erschienenen „Robinson“-Neuübersetzung heißt. Das Buch habe damals den halben Wochenlohn eines Arbeiters gekostet. Bereits im Erscheinungsjahr gab es mehrere Auflagen, schnell zählten Literaturkritiker das Werk zu den weltweit wichtigsten Romanen. Defoe schrieb noch im selben Jahr die Fortsetzung der Abenteuer.

„Robinson Crusoe“ ist dabei viel mehr als die Beschreibung eines Wagnisses. Zu Beginn verlässt der Ich-Erzähler seine Familie, um die Welt zu entdecken und dabei Geld zu verdienen. „Er macht sich auf in ein koloniales Abenteuer“, erläutert Literaturwissenschaftlerin Schwalm im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Crusoe gerät in Sklaverei und muss sich mit Hilfe anderer befreien.

Später erleidet er Schiffbruch und landet auf einer einsamen Insel. Keine Rettung in Sicht. In festem Glauben an Gott und die Prinzipien des puritanischen Bürgertums arbeitet er sich aus seiner Lage heraus: Er errichtet eine Herberge, kultiviert Früchte, zähmt Tiere und baut Getreide an. 24 Jahre lebt er in seinem tropischen Paradies - bis er einen menschlichen Fußabdruck im Sand entdeckt.

Das Auftreten des Robinson-Begleiters wirft ein Bild auf das Verhältnis des europäischen Kolonialismus zur Sklaverei. „Als Erstes erklärte ich ihm, dass er künftig Freitag heißen würde“, heißt es im Roman. „Ich brachte ihm auch bei, Herr zu sagen und mich so zu nennen.“ Die Bayreuther Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt hat einmal in einem Interview gesagt, der Roman sei „ein Handbuch, wie man diese neuen Territorien in Amerika und Afrika kolonisierte, also die Ressourcen nutzte, aber auch die Arbeitskräfte“. Der Ich-Erzähler sehe es als normal und legal an, dass Weiße Schwarze versklavten. Dieses Bild habe sich bis heute in die Köpfe der Leser gesetzt.

Anfang des 18. Jahrhunderts erfasste das Robinson-Fieber die gesamte Literaturwelt. Unzählige Auflagen in häufig geschrumpften Fassungen kamen auf den Markt. Die erste deutsche Übersetzung entstand bereits 1720. Die bekannteste stammt von Joachim Heinrich Campe. Er schuf um 1780 mit seiner freien Adaption „Robinson der Jüngere“ einen Roman für Generationen von Schülern. Dabei konzentrierte er sich auf das Inselleben und bemängelte an Defoe „so viel weitschweifiges, überflüssiges Gewäsche, womit dieser veraltete Roman überladen ist“.

Dennoch schuf Defoe eine der wichtigsten Chiffren in der Literatur. Bis heute nutzen Künstler den Schauplatz der einsamen Insel und das Genre der Robinsonaden für ihre Utopien und Entwürfe. Man denke etwa an William Goldings Roman „Herr der Fliegen“, in dem Kinder und Jugendliche eine barbarische Gesellschaft errichten. Oder an die überaus erfolgreiche US-Mysteryserie „Lost“, in der Überlebende nach einem Flugzeugabsturz stranden. Doch es geht auch profaner: etwa wenn im deutschen Privatfernsehen der Dating-Apps überdrüssige Nackedei-Singles auf einer Tropeninsel nach der Liebe suchen.




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