Letztes Update am Fr, 19.04.2019 12:37

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wirecard präsentiert Bilanz im Schatten der Singapur-Affäre



Aschheim (APA/Reuters) - Wenn Deutschlands größter Internet-Finanzkonzern Wirecard am Donnerstag (25. März) seine Jahresbilanz vorlegt, dürfte sein rasantes Wachstum nur begrenzte Aufmerksamkeit finden. Mit Spannung erwartet wird dagegen, ob sich Vorstandschef Markus Braun näher zu den Konsequenzen aus den Buchungsfehlern äußert, die der Konzern in seiner Asien-Zentrale in Singapur festgestellt hat.

Deswegen hatte Wirecard die zunächst Anfang April vorgesehene Bilanzvorlage um drei Wochen verschoben. Auf dem asiatischen Kontinent, in Australien und Neuseeland macht der Online-Zahlungsdienstleister mehr als vier Fünftel seines Geschäfts.

Operativ herrscht bei Wirecard eitel Sonnenschein. Schon seit Jänner legte das Unternehmen vorläufige Zahlen vor, wonach der Betriebsgewinn im vergangenen Jahr um 38 Prozent auf 568 Mio. Euro gestiegen ist. Der weltweite Boom von Online-Handel und Bezahlen per Smartphone-App trieb den Umsatz um 40 Prozent auf 2,1 Mrd. Euro. Für das laufende Jahr hat Wirecard ein operatives Gewinnziel von 740 bis 800 Mio. Euro ausgegeben.

Doch seit Jahren muss sich Wirecard immer wieder dem Verdacht stellen, im Unternehmen würden Bilanzen frisiert oder gar Zahlen systematisch gefälscht. Das Muster wiederholt sich: Im Internet werden Vorwürfe erhoben, der Aktienkurs bricht ein, Wirecard dementiert. Regelmäßig steigt der Kurs wieder an, Beweise für schwere Verfehlungen im Konzern fanden sich bisher nicht. Gewinner sind stets jene Investoren, die bei der Achterbahnfahrt der Aktie rechtzeitig ein- oder ausgestiegen sind.

Seit Ende Jänner setzte die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ („FT“) dem Konzern und seinem Aktienkurs mit mehreren kritischen Berichten zu. Das Blatt ging dem Verdacht nach, ein Teil des Geschäfts von Wirecard in Asien beruhe auf Scheinumsätzen mit zweifelhaften Partnern. Wirecard widersprach scharf und untermauerte seine Empörung mit einer Strafanzeige und einer Schadenersatzklage. Allerdings musste das Unternehmen letztlich Bilanzierungsfehler in Singapur einräumen. Die Polizei ermittelt dort noch.

In Deutschland hingegen wittern die Behörden einen Fall von krimineller Marktmanipulation zulasten von Wirecard und seinen Anlegern. Auf Grundlage mehrerer Strafanzeigen im Zusammenhang mit den „FT“-Berichten ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen Journalisten und Investoren. Die Strafverfolger und die deutsche Finanzaufsicht Bafin hegen den Verdacht, dass eine verschworene Gruppe mit verteilten Aufgaben den Aktienkurs manipuliert habe. Die Zeitung wehrt sich gegen den Verdacht, sie habe mit unlauteren Mitteln gearbeitet.

Für Staatsanwälte und Finanzaufseher wäre es nicht das erste Mal, dass die Wirecard-Aktie manipuliert wurde. Vor Jahren wurden deswegen bereits Funktionäre der Aktionärsvereinigung SdK in München verurteilt. Beim Amtsgericht München ist ein Strafbefehlsverfahren gegen den Herausgeber eines Papiers anhängig, in dem ebenfalls schwere Vorwürfe gegen Wirecard erhoben wurden. Der Veröffentlichung des Dokuments, das unter der Bezeichnung „Zatarra-Report“ bekannt wurde und über das die „FT“ damals als erste berichtet hatte, 2015 folgte ebenfalls ein Kursabsturz. Die Staatsanwaltschaft hat einen Strafbefehl beantragt. Ein Urteil wird nach Angaben des Gerichts nicht vor Mai erwartet.

Nach einer Achterbahnfahrt der Wirecard-Aktie griff die Bafin im Februar überdies zu einem ungewöhnlich scharfen Mittel: Die Frankfurter Wertpapieraufseher untersagten Leerverkäufe der Wirecard-Aktie. Erst seit Freitag sind wieder Wetten gegen die Wirecard-Papiere erlaubt. Für Leerverkäufe leihen sich Investoren Aktien und verkaufen sie in der Erwartung, dass der Kurs fällt und sie die Titel billiger erwerben können, um sie danach dem Inhaber zurückzugeben. Das ist zwar üblich und legal, kann aber auch mit kriminellen Hintergedanken geschehen.

~ ISIN DE0007472060 WEB http://www.wirecard.de ~ APA165 2019-04-19/12:35




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