Letztes Update am So, 21.04.2019 13:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Anschläge auf Kirchen und Luxushotels in Sri Lanka: Mehr als 191 Tote



Colombo/Wien (APA/dpa/AFP/Reuters) - Bei einer verheerenden Anschlagsserie auf christliche Kirchen und Hotels sind am Ostersonntag in Sri Lanka mindestens 191 Menschen ums Leben gekommen - darunter laut Polizei auch 35 Ausländer. Nach offiziellen Angaben gab es bei den koordinierten Explosionen außerdem mehr als 500 Verletzte.

Insgesamt wurden mindestens acht Detonationen gemeldet - darunter drei in Kirchen und drei weitere in Luxushotels. Regierungschef Ranil Wickremesinghe sprach von „feigen Angriffen“. Die Regierung unternehme alles, um die Lage in den Griff zu bekommen. Präsident Maithripala Sirisena rief ebenfalls zur Ruhe auf. Die Regierung berief eine Krisensitzung ein.

Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene sprach von einem „terroristischen Vorfall“ und machte „extremistische Gruppen“ für die Bluttaten verantwortlich. Die Verantwortlichen seien identifiziert. Er verhängte eine zwölfstündige, landesweite Ausgangssperre bis zum frühen Morgen (Ortszeit). Die Regierung sperrte am Sonntag zudem vorübergehend den Zugang zu sozialen Medien. Am Montag und Dienstag bleiben alle Schulen im Land geschlossen.

Unter den Todesopfern waren nach Krankenhausangaben US-Bürger, Briten und Niederländer. Die portugiesische Nachrichtenagentur Lusa meldete ein portugiesisches Opfer.

Bisher gibt es keine Hinweise auf betroffene Österreicher. Die Lage sei aber weiter unübersichtlich, hieß es am Sonntag aus dem Außenministerium auf Anfrage der APA. Die zuständige Botschaft in Indiens Hauptstadt Neu Delhi sei mit den Behörden in Sri Lanka in Kontakt.

Der südasiatische Inselstaat ist ein beliebtes Touristenziel, auch für Europäer. Dort hat es seit Jahren keinen größeren Anschlag gegeben. 2009 war ein Bürgerkrieg in dem Land zu Ende gegangen.

Die Hintergründe der Explosionen waren zunächst unklar. In einem Schreiben vom 11. April an führende Sicherheitsvertreter hatte die Polizei vor Plänen der radikalislamischen Gruppe NTJ gewarnt, Selbstmordanschläge auf Kirchen sowie auf die indische Botschaft in Colombo zu verüben. Sie berief sich dabei auf Informationen eines „ausländischen Geheimdiensts“.

Die NTJ soll hinter der Beschädigung buddhistischer Statuen in Sri Lanka im vergangenen Jahr stehen. Von Angriffen ausländischer Islamisten blieb das Land bisher verschont.

Bei den Kirchen handelte es sich um die St.-Antonius-Kirche in der Hauptstadt Colombo, die St.-Sebastians-Kirche im rund 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Negombo sowie die Zionskirche in Batticaloa, rund 250 Kilometer östlich von Colombo. In den Gotteshäusern fanden gerade Ostermessen statt. Dort gab es die meisten Opfer. Allein in der Kirche in Negombo starben nach offiziellen Angaben mehr als 100 Menschen.

Außerdem gab es Explosionen in den Luxushotels Shangri-La, Cinnamon Grand und Kingsbury in der Hauptstadt Colombo. Dort sollen auch Ausländer verletzt worden sein. Später wurde eine siebente Explosion in einem kleinen Hotel in einem Vorort von Colombo mit zwei Toten gemeldet. Eine achte Explosion ereignete sich am Nachmittag (Ortszeit) in einer Wohngegend in Dematagoda, einem anderen Vorort Colombos. Dort riss ein Selbstmordattentäter nach Polizeiangaben drei Polizisten mit in den Tod.

Die Explosionen in den Kirchen und Luxushotels fanden fast zeitgleich statt. Die erste wurde aus der Kirche in Colombo gemeldet, die übrigen alle innerhalb von nur 30 Minuten.

Zunächst bekannte sich niemand zu den Angriffen. Staatspräsident Maithripala Sirisena sagte, die Streitkräfte und die Polizei würden der „Verschwörung“ auf den Grund gehen. Die Oberbefehlshaber der Streitkräfte hielten mit mehreren Ministern eine Krisensitzung ab.

Minister Harsha de Silva schrieb auf Twitter, in einer Kirche in Colombo habe es „schreckliche Szenen“ gegeben. Diese sei mit Körperteilen übersät gewesen. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Retter Verletzte aus einer verwüsteten Kirche trugen.

Die Angriffsserie stieß weltweit auf Entsetzen. US-Präsident Donald Trump sprach den Menschen des Inselstaats sein Mitgefühl aus. Er bot in einer Nachricht auf Twitter zugleich die Unterstützung der USA an. „Wir stehen bereit, um zu helfen“, schrieb der US-Präsident am Sonntag. Er sprach von „schrecklichen Terrorattacken“.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und bot Hilfe an. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kondolierte dem Präsidenten Sri Lankas. Der russische Präsident Wladimir Putin sprach von einem „grausamen und zynischen Verbrechen“. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin äußerte sich ähnlich.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schrieb: „Das ist ein Angriff auf die gesamte Menschheit.“ Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez twitterte: Der Tod „Dutzender Menschen, die Ostern feierten, bringt uns zum Weinen“. Die britische Premierministerin Theresa May forderte: „Wir müssen zusammenhalten und sicherstellen, dass niemand seinen Glauben in Furcht praktizieren muss.“

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi sprach von Barbarei, für die in der Region kein Platz sei. Irans Außenminister Mohammed Javad Zarif kondolierte Regierung und Bevölkerung von Sri Lanka

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zeigte sich betroffen. „Ich bin tief erschüttert und besorgt über hinterhältige terroristische Anschläge auf mehrere Kirchen und Hotels in #SriLanka mit stetig steigenden Opferzahlen“, so Kurz. „Meine Gedanken sind bei den Verletzten und Angehörigen“, twitterte er. Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) verurteilten am Sonntag die Anschläge.

Papst Franziskus drückte er seine Trauer wegen der Serie tödlicher Explosionen in Kirchen in Sri Lanka aus. Mit großer Betroffenheit beklagte auch der Wiener Erzbischof das durch die Bombenattentate in Sri Lanka am Ostersonntag ausgelöste „sinnlose Leid so vieler Menschen“. Der heutige Ostersonntag sei „von blutigen Anschlägen überschattet“, sagte Kardinal Christoph Schönborn bei der Eröffnung des Ostergottesdienstes am Sonntag im Wiener Stephansdom.

Eine 20 Jahre alte Touristin aus Dänemark, die mit drei Freundinnen in einem Hotel in Colombo untergekommen ist, sagte dem dänischen Rundfunk zur Explosion in der St.-Antonius-Kirche: „Es herrschte Chaos in der Straße mit Menschen und Rettungswagen überall. Viele der Einheimischen haben die Straße hinunter gezeigt und gesagt, es habe eine Explosion gegeben und viele seien tot.“

Nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung Sri Lankas sind Christen. Die Mehrheit sind Buddhisten.

Die Kirchenverwaltung NCEASL, die mehr als 200 Kirchen und andere christliche Organisationen in Sri Lanka vertritt, hatte sich jüngst besorgt über vermehrte Übergriffe geäußert. 2018 seien 86 Fälle von Diskriminierung, Drohungen und Gewalt gegen Christen und ihre Einrichtungen bekanntgeworden. In diesem Jahr seien es bisher 26 gewesen. So hätten buddhistische Mönche wiederholt versucht, christliche Gottesdienste zu stören.

Jedes Jahr reisen viele Urlauber in das frühere Ceylon. Der Inselstaat von der Größe Bayerns hat gut 20 Millionen Einwohner. Er bietet neben tropischen Stränden unter anderem mehrere UNESCO-Welterbestätten, sechs Kultur- und zwei Naturdenkmäler.

Sri Lankas Bürgerkrieg war 2009 nach 26 Jahren zu Ende gegangen. Die Rebellengruppe Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) hatte für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden des Landes gekämpft. Die Armee ging gegen die Aufständischen mit aller Härte vor und besiegte sie schließlich. Die UN wirft beiden Seiten Kriegsverbrechen vor.

(Grafik 0498-19, 88 x 94 mm)




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