Letztes Update am Di, 23.04.2019 19:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Offene Fragen nach IS-Bekenntnis zu Anschlägen in Sri Lanka



Colombo (APA/AFP) - Bei der Suche nach den Drahtziehern der verheerenden Anschläge in Sri Lanka sind weiterhin viele Fragen offen: Während die Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) die Angriffe für sich reklamierte und ein Foto der angeblichen Täter veröffentlichte, schrieb die Regierung sie einer einheimischen Gruppierung zu. Mehrere Verdächtige sind offenbar noch auf der Flucht und könnten weitere Anschläge verüben.

„Diejenigen, die den Angriff ausgeführt haben, der vorgestern Mitglieder der US-geführten (Anti-IS-)Koalition und Christen in Sri Lanka zum Ziel hatte, sind Kämpfer des Islamischen Staates“, hieß es in einer Mitteilung, die das IS-Propaganda-Sprachrohr Amaq zwei Tage nach den Angriffen veröffentlichte. Belege oder nähere Angaben zu den Tätern gab es zunächst nicht.

Erst in einer zweiten Mitteilung wurden die Pseudonyme von sieben Männern veröffentlicht, die laut dem IS hinter den Anschlägen mit mehr als 320 Toten stecken sollen. Ihre wirklichen Namen wurden nicht genannt. Ein Foto zeigt acht teils bewaffnete Menschen, die bis auf einen alle maskiert sind. Warum das Bild acht Personen zeigt, im Text aber nur von sieben die Rede ist, blieb unklar.

Der IS reklamierte die Tat für sich, nachdem Sri Lankas Regierung sie zuvor der bisher weitgehend unbekannten, einheimischen Islamistengruppe National Thowheeth Jama‘ath (NTJ) zugeschrieben hatte. Ein Regierungssprecher hatte am Montag allerdings bereits erklärt, die Behörden prüften, ob die Gruppe „internationale Unterstützung“ gehabt habe. „Wir glauben nicht, dass eine kleine Organisation in diesem Land all das alleine machen kann“, sagte er.

Sri Lankas Polizeichef hatte schon am 11. April vor Plänen der NTJ gewarnt, Anschläge auf Kirchen zu verüben. Die Anschläge am Ostersonntag hatten sich gegen Hotels und christliche Kirchen gerichtet.

Nach Angaben der Regierung in Sri Lanka deuten erste Ermittlungsergebnisse auch auf eine „Vergeltung“ für die tödlichen Anschläge von Mitte März auf Muslime im neuseeländischen Christchurch hin. Die Regierung von Neuseeland bestätigte das am Dienstag nicht. „Wir verstehen, dass die Ermittlungen in Sri Lanka in einem frühen Stadium sind“, sagte ein Sprecher von Regierungschefin Jacinda Ardern: „Neuseeland hat noch keine Geheimdienstberichte gesehen, auf denen diese Einschätzung beruhen könnte.“

Aus Ermittlerkreisen hieß es, bei zweien der Attentäter handle es sich um Brüder aus Colombo. Als führende NTJ-Mitglieder hätten sie innerhalb ihrer Familie eine „Terrorzelle“ gebildet. Beide waren demnach Ende zwanzig und Söhne eines wohlhabenden Gewürzhändlers. Sie hätten sich am Sonntag an den Osterbuffets zweier Hotels in die Luft gesprengt. In welchem Verhältnis sie zu den anderen Attentätern standen, war zunächst unklar.

Bisher hat die Polizei rund 40 Verdächtige festgenommen, nach Angaben von Premierminister Ranil Wickremesinghe sind weitere auf der Flucht. Einige von ihnen seien bewaffnet, weitere Anschläge daher möglich, warnte Wickremesinghe. Wie AFP aus Ermittlerkreisen erfuhr, sollte ein viertes Hotel ebenfalls Ziel eines Anschlags werden. Die Bombe explodierte jedoch nicht. Als Polizisten den mutmaßlichen Angreifer stellten, sprengte er sich in die Luft und tötete zwei Passanten.

Nach jüngsten Angaben wurden bei den Anschlägen 321 Menschen getötet, darunter mindestens 45 Kinder. Mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Der Dienstag begann in Sri Lanka mit drei Schweigeminuten zu Ehren der Toten. Anschließend wurden die ersten Opfer bestattet. „Es sind so viele Leichen, dass wir nicht für alle gleichzeitig Platz haben“, sagte Weihbischof Anthony Jayakody an der St.-Sebastian-Kirche. Die Zeremonien fanden daher unter großer Anteilnahme im Freien statt.




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