Letztes Update am So, 28.04.2019 13:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


donaufestival: Lafawndah will Räume für „Unvorhersehbares“ schaffen



Krems (APA) - Als Lafawndah ist Yasmine Dubois aktuell eine der spannendsten Figuren des zeitgenössischen Pop. Die ägyptisch-iranische Sängerin hat für ihr Ende März veröffentlichtes Debüt „Ancestor Boy“ unterschiedlichste Sounds zu einem abwechslungsreichen und anspruchsvollen Werk gebündelt. Nach ihrem Auftritt beim Kremser donaufestival sprach Dubois mit der APA über Einflüsse, den Zufall und ihre Vorlieben.

APA: Sie verknüpfen unterschiedlichste ästhetische Zugänge - von Pop über R‘n‘B bis zu Ambient und World Music. Was hat Sie am stärksten beeinflusst?

Yasmine Dubois: Musikalisch war es sicher das japanische Kollektiv Geinoh Yamashirogumi. Sie sind ja keine Musiker im traditionellen Sinn, sondern praktizieren Synkretismus. Das ist in ihrer Heimat weit verbreitet: Japaner gehen beispielsweise nach Frankreich und wieder zuhause machen sie dann die besten Croissants. (lacht) Ihre Diskografie basiert darauf: Sie gehen an verschiedene Orte, studieren die Musik und imitieren sie dann. Aber es ist mehr als das: Es ist keine bloße Interpretation, sondern es wird etwas Neues geboren.

APA: Wie entscheiden Sie sich, welche Ideen Sie verfolgen oder umsetzen?

Dubois: Dafür gibt es keinen wirklichen Plan. Ich habe eine Palette an Klängen, zu denen ich mich hingezogen fühle und die ich für alle Songs auf dem Album verwendet habe. Es klingt ja nicht umsonst wie ein schlüssiges Werk. Ich verwende aber nicht einfach Dinge, die mir gefallen. So sieht meine Beziehung zur Musik nicht aus. Mir ist wichtig, dass es zu bewussten Modifizierungen kommt, um es nach mir klingen zu lassen. Ich muss alles mit meinen Ohren verdauen, um es später anwenden zu können. Die Klänge befinden sich in einem ständigen Fluss und reflektieren etwas, was in meiner Seele passiert.

APA: Spielt der Zufall dabei eine Rolle?

Dubois: Überraschungen gibt es immer. Es kommt aber darauf an, was man damit anfängt. Bei jedem Song gibt es diese Momente, in denen plötzlich etwas aufbricht oder dir einen Weg weist. Für mich sind Kontrolle und Zufall aber keine Gegensätze, die sich ausschließen. Vielmehr entsteht dadurch eine Spannung: Du musst den Raum schaffen, damit etwas Unvorhersehbares passieren kann. Bist du offen genug dafür, kannst du den nächsten Schritt gehen - und zwar sehr bewusst.

APA: In welchem Verhältnis stehen Musik und Texte im kreativen Prozess?

Dubois: Bei den meisten Stücken habe ich zuerst die Musik komponiert. Auf sie kann ich dann reagieren, sie weckt in mir den Wunsch, zu singen oder eine Geschichte zu erzählen. Deshalb gibt es auch kein groß angelegtes Konzept, auf das sich die Texte beziehen. Ich wollte vielmehr ein Werk schaffen, das sich aus diesen Liedern zusammensetzt. Die Inhalte sind dann von alleine gekommen. Es war wie ein innerer Drang, der sukzessive in den Vordergrund rückte. Das Unterbewusstsein ist ja ein interessantes, kleines Tier. (lacht) Im Endeffekt repräsentiert das Album einen Lebenszyklus. Viele Erinnerungen, die mir gar nicht bewusst waren, sind hervorgekommen. Zudem habe ich die Gegenwart analysiert, habe mir die Zukunft ausgemalt. Es gibt also all diese Zeitebenen: das Leben, der Tod und was danach kommen mag.

APA: Ist Musik also auch eine Möglichkeit, um Dinge zu verarbeiten?

Dubois: Sie ist wie ein Werkzeug. Durch einen Song kannst du etwas heilen, etwas lösen oder anderen Menschen etwas in die Hand geben, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind. Als Musiker hast du natürlich Vorlieben. Es gibt also jene, die ihr Leben lang Beziehungssongs schreiben werden. Für mich ist aber der Song ein Schlüssel, der sich meist wie von selbst manifestiert. Aber natürlich gibt es auch bei mir Beispiele, in denen eine klare Idee am Beginn steht. Ein Albumprozess ist ja sehr zeitintensiv, da können unterschiedlichste Formen entstehen.

APA: Wann haben Sie dann gemerkt, dass die Platte fertig ist?

Dubois: Das ist nicht Kopfsache, das spürst du einfach. Einige Songs waren von Anfang an dabei, andere sind gerade noch reingeschlüpft, bevor die Aufzugstüren zugegangen sind. Es gibt kein falsch oder richtig, es hat mit deinem Geschmack zu tun. Bei mir spielen Dynamik und Spannung wichtige Rollen. Für andere ist das wahrscheinlich nicht der Fall. Ich könnte beispielsweise kein Album mit einem großen, langen Song machen. Ich brauche die Abwechslung. Wenn das Album deine Seele widerspiegelt, macht es für mich Sinn, viele verschiedene Zustände zu beschreiben.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - http://lafawndah.bandcamp.com; www.donaufestival.at)

(B I L D A V I S O – Fotos von Lafawndah/Yasmine Dubois stehen unter https://www.donaufestival.at/de/presse/presse-1 zum Download bereit.)




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