Letztes Update am Di, 30.04.2019 06:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


donaufestival: schtum wollen „mit neuen Formen ein Bedürfnis stillen“



Krems/Wien (APA) - Manu Mayr und Robert Pockfuß sind zwei äußerst umtriebige Protagonisten der heimischen Musikszene. Was wäre also naheliegender für den Bassisten und den Gitarristen, als sich zusammen zu tun? „Der Reiz ist, mit den Instrumenten diese elektronischen Sounds auszuarbeiten“, beschreibt Mayr den Gestus ihrer Band schtum. Beim Kremser donaufestival ist das Duo am Sonntag live zu erleben.

Begonnen hat alles vor etwas mehr als zwei Jahren. „Wir haben uns schon länger beobachtet“, erinnert sich Mayr im APA-Interview. „Irgendwann gab es einen Knackpunkt, als ich gemerkt habe, welch guter Komponist Robert ist. Das hat mich dann sehr interessiert. Komponisten haben immer ein Gespür für große Formen - und das habe ich überhaupt nicht“, lacht der Bassist. „Dann hatte ich schon ein paar Ideen im Hinterkopf, wie wir die technische Umsetzung des Ganzen machen könnten.“

Im Herbst 2017 gab es dann die Live-Premiere beim JazzWerkstatt Wien Festival, seitdem sind einige Auftritte und auch Stücke hinzugekommen. Anfang Juni erscheint die Debüt-Vinyl „Feed“ mit sechs Songs, in denen es nach Herzenslust knackt und fiepst, das Feedback für allerlei besondere Konstellationen sorgt, aber auch eine Prise Drone verwendet wird. Der eingangs erwähnte Verweis auf elektronische Musik, er passt gut und kann schtum doch nur in Ansätzen beschreiben. Während diese Sounds oft eine Spur „zu glatt“ sind, wie Mayr betont, können die beiden „eine noch direktere Beziehung“ herstellen.

„Für uns ist einfach aufregend, dass wir mit dieser Konstellation - zwei Instrumente und all die Gerätschaften - dem Sound, der uns taugt, ziemlich nahe kommen“, stimmt Pockfuß seinem Kollegen zu. „Mit diesem Setting hängt der Ton immer vom jeweils anderen ab. Das ist jedes Mal aufregend. Das Spielen ist so anders wie in normalen Bands.“ Bei schtum mischen sich nicht einfach zwei Signale. „Nein, sie werden zu einem Signal vereint“, nickt Mayr. „Dadurch entsteht eine ständige Abhängigkeit. Wenn der eine aufhört zu spielen, steht der andere komplett nackt da. Der Sound verändert sich. Es bleibt nicht das eine übrig, sondern der Gesamtsound ändert sich ständig.“

Das hat durchaus Groove, wenngleich dieser eigenwillig sein mag, wie etwa im pulsierenden „Rift“ oder dem kantigen „Surge“, zu dem Billy Roisz und dieb13 ein psychedelisches Video gestaltet haben. „Was uns innerlich tanzen lässt: Der Sound ist nichts statisches“, charakterisiert Mayr die Musik. „Wir haben das Gefühl, dass wir ihn bewegen wollen und das auch können. Für uns ist es nämlich auch Tanzmusik.“ Oft ist dementsprechend eine Bewegung der Ausgangspunkt. „Es ist kaum nur ein meditatives Sitzen und Zuhören, sondern die Frage, wo es mich hintreibt“, so Pockfuß. „Das wird, wenn man es richtig laut aufdreht, zwangsläufig für jeden körperlich - auch wenn es die wenigsten wahrscheinlich ausdrücken wollen.“

Wer nun glaubt, dass sich schtum im Konzert einfach treiben lassen und dem die Magengrube massierenden Sound die kreative Oberhand lassen, der liegt nur teilweise richtig. Die Songs von „Feed“ etwa seien wie „Handlungsanleitungen“, betont Pockfuß. „Es gibt Abläufe, in denen mehr variiert denn improvisiert wird. Es läuft alles mit Blickkontakt und dem Eingehen aufeinander. Natürlich gibt es ein paar Improvisationen zwischen den Stücken, aber diese selbst sind durchstrukturiert. Wir spielen damit, aber es wird kaum einmal ganz woanders hingehen.“

All das passt zum Bandnamen selbst. „Viele Konzertbesucher haben uns gesagt, dass sie den lautmalerisch verstehen“, lacht Pockfuß. „Wir wurden öfter darauf angeredet. Passt auch. Die Ästhetik unserer Musik kann man ja irrtümlich vom Bombast herleiten, zum Beispiel vom Metal oder der Romantik. Aber was wir auf der Bühne machen, ist eigentlich klein. Da wären wir schon wieder beim Meditativen: Man beschäftigt sich mit etwas ganz Kleinem, bis das ganz groß wird. Wir spielen ja auch nicht mit vielen Tönen, sondern mit einem und schlüsseln den dann auf. Daher wohl auch dieser Stumm-Gedanke: Man schreit nicht in die Welt raus, sondern beginnt im Kleinen, bis man von der Welle gedrückt wird.“

„Ich würde sagen, dass wir mit dem Material und dem Setup, mit dem wir uns auseinandersetzen, experimentieren“, pflichtet Mayr bei. „Wir wollen dem eine konkrete Form geben. Es braucht über die Spannung des Experiments an sich eben schon noch einen Spannungsbogen.“ Im Kern ist der Antrieb von schtum einfach zu fassen: „Es geht um etwas Neues. Wir haben alle die Ohren voll mit tausend Sachen“, überlegt Mayr. „Mir geht es darum, mit neuen Formen ein innerliches Bedürfnis zu stillen.“

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - Video zu „Surge“: https://www.youtube.com/watch?v=IvPGBtiQViE; schtum live am 5. Mai um 16.30 Uhr beim donaufestival in Krems, Minoritenkirche; weitere Infos unter: https://www.donaufestival.at/de/programm/programm-2019/49-schtum)




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