Letztes Update am Mi, 01.05.2019 05:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Die Flüchtlingskinder von Azraq: Aufwachsen im Wüsten-Lager 1



Amman (APA) - Diese Kinder kennen nichts Anderes als das Flüchtlingscamp. Die weißen Blechhütten, die mitten in der Wüste von Azraq in Jordanien stehen, heizen sich im Sommer auf unerträgliche Temperaturen auf und bieten im Winter wenig Schutz vor der Kälte. Auf über 15 Quadratkilometern sind sie für tausende Menschen eine neue Heimat geworden. Mittlerweile wurden mehr als 4.700 Kinder dort geboren.

Vor fünf Jahren wurde das Flüchtlingscamp in Azraq gebaut, als die Syrienkrise ihrem Höhepunkt zusteuerte. Nach und nach hat sich eine eigenständige Stadt mit Moscheen, Gesundheitseinrichtungen, Schulen, Kinderbetreuung, Ausbildungsstätten, kleineren Shops, Sportplätzen und einem Supermarkt entwickelt. Sogar eine eigene Gemeinschaftspolizei wurde installiert, die nicht bewaffnet ist. Das Lager bietet derzeit Platz für 60.000 Flüchtlinge. 40.000 Menschen - die meisten Syrer, aber auch Iraker und Somalier - leben nun hier, rund 100 Kilometer von der jordanischen Hauptstadt entfernt.

„Es ist kein Vergleich zum ersten Jahr, da fehlte es an allen Ecken und Enden“, berichtet Amir, einer der ersten Campbewohner, der mit seiner Frau und den vier Kindern 2014 einzog, nachdem er aus Hama fliehen musste. Mittlerweile hat der ehemalige Landwirt, der in Syrien Oliven-, Pistazien- und Wassermelonenplantagen besaß, mit Hilfe seines Sohnes seine Hütte auf Vordermann gebracht. Die Wände wurden gegen die Kälte isoliert, der Schlaf- und Wohnraum mit Decken und Pölstern ausgelegt. „Anfangs hatten wir noch das Nötigste. Es gab keinen Supermarkt, die Wasserstellen waren kilometerweit weg und es gab keinen Strom“, erzählt Amir, der mittlerweile zum Vertrauensmann seines Wohnblocks erkoren wurde - er agiert als Sprecher zwischen den Flüchtlingen seiner Wohneinheit, der Lagerleitung und den Hilfsorganisationen. 27 NGOs - darunter Care - bieten in Azraq ihre Unterstützung an.

Die einzige Lichtquelle für Campbewohner waren Solarlampen. Auch als Strom im Camp eingeführt wurde, kam es immer wieder zu Ausfällen, ehe vor einem Jahr eine Solaranlage in Betrieb genommen wurde. Nun kann seine Frau Noor sogar kochen - die ganz in Schwarz gekleidete Frau reicht beim Besuch stolz „Nachtigalls Nest“, ein Blätterteiggebäck mit Honig und Nüssen, zu arabischem Kaffee mit Kardamom.

„Das Camp wurde nicht aus der Not heraus gebaut“, berichtet Jameel Dababneh, seit zwei Jahren Leiter des Care-Teams im Flüchtlingslager Azraq, während die Journalisten auf die Eintrittsgenehmigung warten müssen. Ein Wachmann entschuldigt sich für die Verzögerung. Wochen in Voraus muss ein Ansuchen gestellt werden, eine Auflistung des Equipments und mit welcher Hilfsorganisation das Camp betreten werden möchte, muss bekanntgegeben werden. Die Auflagen sind streng, aus Schutz für die Flüchtlinge achtet die Campleitung penibel auf deren Persönlichkeitsrechte. Nicht selten müssen Geflüchtete Repressalien aus ihrer Heimat fürchten. Mit Bau des Lagers bei Azraq wollte man die Fehler anderer Camps wie jenes der größten in Zaatari vermeiden, betont Dababneh. Voll wurden die Hütten in Azraq jedoch nie.

Tausende Familien sind in den vergangenen fünf Jahren ins Camp gezogen. Nicht selten sind die Frauen mit ihren Kindern allein gekommen. 15 bis 20 Prozent der Haushalte werden von Frauen geführt. Ihre Männer gelten als in den Kriegswirren verschollen, sind ums Leben gekommen oder sitzen in Syrien fest, die Grenzen zu Jordanien sind mittlerweile geschlossen. Die Frauen versuchen, im Camp ein neues Leben aufzubauen. Hilfe kommt dabei auch aus Österreich, sowohl von der Austrian Development Agency (ADA), der staatlichen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit, als auch von der EU-Kommission für Humanitäre Hilfe (ECHO). Zurück wollen die meisten, aber „die Lage ist nicht sicher“, meint auch Amir. „Ich hoffe, dass es einmal Frieden geben wird in Syrien.“

Im Lauf der Jahre wurden im Camp Azraq, das vom Syrian Refugee Affairs Directorate (SRAD) und dem UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) geleitet wird, Ehen geschlossen und Babys geboren. Vom Dezember 2015 bis März 2019 erblickten im Camp-Krankenhaus 4.702 Babys das Licht der Welt. „Sie kennen nichts Anderes als das Leben in Asyl“, sagt Care-Helfer Dababneh. Sie sind in den Hütten aufgewachsen. Dass sich zehn Familien je zwei Toiletten und zwei Duschen teilen, ist für sie normal. Elektrizität wurde erst vor einem Jahr zur Normalität, als eine Großspende eine Solaranlage ermöglicht hat. Die Hütten wurden liebevoll bemalt und so gut wie möglich eingerichtet. „Ihre Verwandten in Syrien sind nicht einmal eine Stunde Fahrt von hier entfernt“, zeigt Dababneh in Richtung der nahen Grenze zu Syrien.

Die Menschen im Camp werden nach der Registrierung mit dem notwendigsten versorgt: Haushaltsartikel, Decken, Wasserkanister und Gaszylinder zum Heizen und Kochen. 20 Jordanische Dinar, das sind umgerechnet etwa 30 Dollar bzw. 25 Euro pro Monat, erhalten Flüchtlinge zusätzlich zum Leben im Camp Azraq - weniger als einen Dollar pro Tag, wie Dababneh betont. Schindluder kann mit dem Geld nicht getrieben werden. Dieses wird nämlich weder in bar noch in Gutscheinen ausbezahlt. Das Geld landet auf einer Art Konto, bezahlt wird nicht mit Karte oder Scheinen, sondern mittels Iris-Scan. Sobald der Flüchtling im Supermarkt seine Iris abfotografieren lässt, werden die Daten mit jenen des UNHCR abgeglichen, wo sich alle Bewohner registrieren lassen mussten. Jeder Mensch hat ähnlich wie beim Fingerabdruck eine unverwechselbare Irisstruktur und kann zweifelsfrei daran identifiziert werden, betonte das Welternährungsprogramm (WFP), das für das System „EyePay“ zuständig ist. Zusätzlich erhält jeder Flüchtling vom WFP pro Tag 240 Gramm Brot. Kinder werden in der Schule mit Essen versorgt.

Die Preise im Camp-Supermarkt sind allerdings nicht gerade günstig: Für einen Kilo Erdäpfel sind knapp 70 Piaster, die Untereinheit des Jordanischen Dinars, zu bezahlen. Das sind knapp 90 Euro-Cent. Davon muss aber meist eine mehrköpfige Familie satt werden. 1.500 Kunden kommen täglich in das riesige Geschäft, das einer Lagerhalle gleicht. „Am Monatsanfang sind es etwas mehr“, sagt Dababneh. Die meisten kaufen Lebensmittel, die nicht zu leicht verderblich sind: Reis, Gemüse, Obst oder Öl. Kühlschränke sind selten im Camp. Fleisch oder Joghurt werden eher in kleineren Mengen gekauft. Zuckerln oder gar Schokolade für die Kinder sind ein Ding der Unmöglichkeit. „Es reicht einfach nicht“, sagt Care-Programmmanager Malek Abdin.

Viele versuchen als Volontäre im Camp ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Sie tätigen einfache Arbeiten, wie Reparaturen oder Reinigungen. 1,5 Jordanische Dinar pro Stunde werden dafür bezahlt. Das bedeutet fünf Mal so viel, wie sie von der Campleitung bekommen. 1.000 Flüchtlinge können diese Jobs übernehmen, mehr als 16.000 stehen auf der Warteliste. Viele versuchen mit Heimarbeit einen zusätzlichen Verdienst zu haben - sie kochen für die Gemeinschaft, nähen Kleider oder Puppen, reparieren Räder, schneiden den Mitbewohnern die Haare oder malen Bilder. Erst kürzlich wurde eine Ausstellung von Gemälden in Berlin restlos ausverkauft. „Jede Idee, die der ganzen Gemeinschaft hilft, wird umgesetzt“, sagt Abdin. Somit wurden 250 Geschäfte im Lager errichtet. Auch der Anteil arbeitender Frauen konnte mit der Unterstützung der Hilfsorganisationen auf über 50 Prozent angehoben werden.

Und auch wenn die Hilfsorganisation darauf achtet, dass Kinder keiner Arbeit nachgehen, geschieht es dennoch. Eine Handvoll Sieben- bis Zehnjähriger steht mit Lastenfahrrädern vor dem Supermarkt und wartet auf Kundschaft. Die Wege im Camp Azraq sind kilometerweit und für einen Jordanischen Dinar bringen sie die Einkäufe in die Blechhütten. Damit könnten sie wieder einen Kilo Erdäpfel kaufen.

(Die APA hat die Namen der interviewten Flüchtlinge aus Sicherheits- und Datenschutzgründen verändert.)




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