Letztes Update am Mi, 01.05.2019 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eishockey: Bader: WM-Ziel Klassenerhalt, Warnung vor Überheblichkeit



Bratislava/Wien (APA) - Österreichs Eishockey-Teamchef Roger Bader hat am Mittwoch seinen erweiterten WM-Kader zum letzten Trainingslager für die A-Weltmeisterschaft von 10. bis 26. Mai in der Slowakei zusammengezogen. 29 Spieler bereiten sich auf die abschließenden Testspiele in Wien gegen Dänemark (Sonntag, 16.15) und Kanada (Dienstag, 19.15) vor, ehe es zum Kampf um den Klassenerhalt nach Bratislava geht.

Im Interview mit der APA - Austria Presse Agentur resümierte Bader die Vorbereitung und gab Einblick in seine Erwartungen für die WM.

APA: Wie fällt ihr Resümee der intensiven Vorbereitung aus?

Bader: „Ich bin sehr zufrieden. Die Quantität war gleich wie im Vorjahr, der Unterschied ist, dass wir von der Qualität bessere Gegner hatten, was für die Entwicklung sehr positiv war. Am Anfang war Grundlagentraining mit Spielern, die noch zwei Monate von der WM weg sind, plus viele junge Spieler, die beim Nationalteam schnuppern konnten. Einige sind überraschenderweise immer noch dabei.“

APA: Ist die Basis an Teamspielern größer geworden?

Bader: „Die habe ich gleich größer gemacht, als ich das Nationalteam übernommen habe, um in der Breite zu sehen, was es für junge Spieler gibt. Seither sind sie immer Bestandteil unserer Reise. Der Pool ist größer geworden, weil es sich nun junge Spieler leichter zutrauen, den Schritt schaffen zu können, was vielleicht früher nicht der Fall war.“

APA: Die Ergebnisse waren ziemlich gut. Wie wichtig war das?

Bader: „Resultate sind nie völlig unwichtig, aber gleichzeitig auch nicht so wichtig. Ich war ein bisschen erstaunt, dass man das 1:5 gegen die Slowakei so negativ gesehen hat, weil wir davor gegen Tschechien ins Penaltyschießen gekommen sind. Sie hatten zwölf Spieler von der WM 2018 dabei, bei uns waren es vier. Und sie stehen vor einer Heim-WM. Das war normal, so ein Spiel 1:5 zu verlieren, das entspricht der Realität. Wenn man sieht, dass wir einmal gewonnen haben und zweimal ins Penaltyschießen gekommen sind, hätte ich das so nicht erwartet.“

APA: Gibt es eine Erklärung, warum die Mannschaft im ersten Drittel oft Probleme hatte?

Bader: „Das war zu erwarten. Das hat damit zu tun, dass wir diese Intensität und dieses Tempo nicht so gewohnt sind. Und in jedem ersten Spiel hatten wir immer sieben, acht neue Spieler, die länger kein Spiel hatten.“

APA: Sie sagen immer, wichtig ist, dass ihr Team die Intensität mitgehen kann - sehen Sie da Fortschritte?

Bader: „Teilweise schon. Es gab Phasen im Spiel, wo wir das gemacht haben und Perioden, wo uns das nicht gelungen ist. Solche Testspiele macht man aber nicht nur zur Vorbereitung auf eine WM, das würde ja nur Sinn machen, wenn man von Beginn die WM-Mannschaft hätte. Es sind viele Spieler dabei gewesen, die nicht im WM-Team sind, für die es aber gut war, um ihr Niveau zu steigern und zu sehen, welche Spielweise und welches Tempo gefordert ist, dass sie in Zukunft ein Thema sein werden. Wir haben ja immer drei Ziele: kurzfristig die WM, mittelfristig die Entwicklung solcher Spieler und langfristig, wenn wir an Olympia denken.“

APA: Was wollen Sie in den letzten zwei Testspielen gegen Dänemark und Kanada sehen?

Bader: „Es kommen wieder acht neue Spieler dazu, die gilt es zu integrieren. Dann findet auch ein Selektionsprozess statt, bis zum WM-Beginn müssen wir den Kader noch um vier Spieler reduzieren. Kanada ist ein Gegner, der uns zeigen wird, was eine Mannschaft, die um den Titel spielt, auf dem Kasten hat. Dieses Spiel fordert uns, dass wir noch schneller agieren und antizipieren, diese Erfahrung wird uns dann ein paar Tage später beim WM-Start helfen.“

APA: Wie ist ihre Erwartung für die WM?

Bader: „Ich habe das ganze Jahr gesagt, dass wir bescheiden bleiben müssen, dass wir uns Überheblichkeit nicht leisten können. Das Ziel ist eindeutig wieder der Klassenerhalt, wir dürfen aber nicht denken, weil wir es letztes Jahre geschafft haben, geht es automatisch. Auf dem Papier sind wir die ersten sechs Spiele Außenseiter, wir spielen gegen Nationen, die seit über zehn Jahren in der A-Gruppe sind. Wir hoffen trotzdem, dass wir das eine oder andere Spiel erfolgreich gestalten können. Im siebenten Spiel gegen Italien ist es eine 50:50-Situation, es ist ein Spiel auf Augenhöhe. Persönlich würde ich mich freuen, wenn der eine oder andere Punkt mehr dazu kommt als letztes Jahr (Anm.: 3), dann wären wir einen Schritt weiter.“

APA: Gegen welche Mannschaften rechnen Sie sich vielleicht etwas aus?

Bader: „Man hat immer dann eine Chance, wenn einer der Favoriten keinen guten Tag hat und einen unterschätzt. Lettland wird uns im Startspiel nicht unterschätzen, das wird eine starke Mannschaft sein, die besteht zu 90 Prozent aus KHL-Spielern und zwei aus Nordamerika. Trotzdem glaube ich, wenn wir ein sehr gutes Spiel spielen, dass wir eine Chance haben. Dasselbe kann man über die Schweiz sagen, auch wenn sie Vizeweltmeister sind und NHL-Spieler wie Josi, Weber, Hischier dabei haben. Da müssen wir nicht reden, wer Favorit ist, aber wenn uns wieder so ein tolles Spiel gelingt wie letztes Jahr, sind wir nicht chancenlos. Gegen Norwegen sind sicher auch Chancen drin, sie sind 60:40-Favorit. Normalerweise hat man gegen Schweden, Russland, Tschechien keine Chance, aber wir werden sicher kein Spiel herschenken.“

APA: Stichwort Russland - was sagen Sie zu ihrem Kader voller Stars?

Bader: „Die Russen sind individuell die besten Spieler der Welt, die haben eine super Mannschaft. Wir haben das Spiel gegen sie im letzten Jahr analysiert und sie haben nicht gewonnen, weil sie individuelle Highlights geboten haben, sondern sie hatten wirklich einen Spielplan und haben den 60 Minuten als Team durchgezogen. Das war beeindruckend. Wir werden uns nicht viel Hoffnung auf Punkte machen, aber wir wollen uns gut verkaufen, dann profitieren wir in den nächsten Spielen von dieser Erfahrung.“

APA: Wenn man Mannschaftsteile betrachtet, kann man sagen, dass Österreich im Sturm am besten aufgestellt ist?

Bader: „Es scheint, dass wir dort am meisten Auswahl haben. Wir haben dort auch die meisten Spieler im Ausland, bei den Verteidigern spielt vom aktuellen Kader niemand im Ausland und bei den Torhüter wissen wir schon die ganze Saison, dass es ein großes Problem ist, weil in der Liga keiner die Nummer eins ist. Das gibt es sonst nirgends. Daher ist es gut, dass zum Beispiel David Kickert früh einrücken und vier Spiele machen konnte. Jetzt kommt Starkbaum dazu, der seit Wochen nicht gespielt hat, wir werden sehen, wie er sich präsentiert. Es ist nicht undenkbar, dass alle drei Torhüter zum Einsatz kommen.“

APA: Sie haben im Vorjahr immer von vier Triebwerken gesprochen, gilt das auch heuer?

Bader: „Ich bin überzeugt, dass man eine WM mit hohem Tempo, hoher Intensität, Zweikämpfen auf hohem Niveau und sieben Spielen in zehn Tagen nicht so spielen kann, dass man die ersten zwei oder drei Blöcke überforciert. Das würde sich in der zweiten Hälfte der WM rächen. Wir werden vier gute Blöcke aufs Eis bringen, keiner ist ein Weltklasseblock, aber es werden vier gute Blöcke sein.“

APA: Was stimmt Sie positiv, dass der Klassenerhalt geschafft wird?

Bader: „Wir haben ein gutes Team im Sinne von Team. Wir waren schon im Vorjahr eine Mannschaft mit gutem Spirit und haben den auch die ganze Saison gehabt. Das wird uns helfen, unsere Stärken so zu bringen, dass wir erfolgreich sein werden.“

APA: Was darf man sich von Michael Raffl, dem einzigen NHL-Spieler im Kader, erwarten?

Bader: „Er ist Tempo, Intensität, Druck gewohnt. Diese Qualitäten wird er einbringen, das hat er auch im Vorjahr bewiesen.“

APA: Wird er Center oder Flügel spielen?

Bader: „Wir verfügen heuer über mehrere gute Mittelstürmer, ich glaube, dass er uns am meisten auf der Flügelposition bringt, so wie er letztes Jahr bei der WM die Schlüsselspiele gespielt hat.“

APA: Sie sind nun seit fünf Jahren in verschiedenen Funktionen beim österreichischen Verband - wo sehen Sie in dieser Zeit die größten Fortschritte?

Bader: „Sicherlich bei der Entwicklung der Nationalteams. Man respektiert uns im Ausland, weil wir nicht nur bei den Weltmeisterschaften, sondern auch bei den Turnieren gute Leistungen und Resultate bringen. Es ist eine neue Generation von Spielern - die alte war gut, aber jetzt kommt eine neue Generation, die das Ziel hat, eine ständige A-Nation zu werden. Diesen Glauben, dass wir das schaffen können, bringt diese junge Garde mit. Den ganzen Bereich rund ums Nationalteam haben wir komplett professionalisiert, da sind wir ganz anders aufgestellt als noch vor ein paar Jahren.“

APA: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Liga ein, auch im Hinblick auf die Legionärsregelung für nächste Saison?

Bader: „Ich sehe, dass der Wille da ist, etwas zu ändern. Das war vor zwei, drei Jahren vielleicht noch nicht so. Ich bin guten Mutes, dass es in die richtige Richtung geht. Es ist klar, als Nationaltrainer bin ich ein bisschen ungeduldig, dass soll man mir nachsehen, das liegt an der Funktion. Ich würde mir Änderungen daher noch ein bisschen schneller wünschen.“

(Das Gespräch führte Stefan Grüneis/APA)




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