Letztes Update am Mi, 01.05.2019 11:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kammeroper-“Candide“: Castorf im Kleinen für die Welt im Großen



Wien (APA) - Im Vorjahr feierten die Musikhäuser den 100. Geburtstag Leonard Bernsteins - so auch die Kammeroper mit „A Quiet Place“. In Jahr 1 nach dem Jubelreigen legt man nun nach und bringt sein Hybridwerk „Candide“ auf die Bühne - respektive die Leinwand. Regisseur Christoph Zauner gelingt ein durchaus stimmiger Abend, der zugleich zeigt, weshalb dieses Welttheater nur selten szenisch zu erleben ist.

Bernstein selbst haderte Jahrzehnte mit seiner Adaption des satirischen Voltaire-Romans „Candide oder der Optimismus“. Die ursprüngliche Fassung aus 1956 geriet zum Flop, der sich 1974 eine von anderen zusammengestellte Broadwayfassung anschloss, die ein Erfolg wurde - anders als die von Bernstein selbst initiierte dritte Fassung aus 1988. Letztlich sitzt „Candide“ als Zwitterwesen zwischen Sprechstück, Operette, Musical und Oper zwischen allen theatralen Stücken, will als große, satirische Welterklärung vielleicht zu viel für eine Bühne, weshalb heutzutage meist nur mehr die konzertante Ouvertüre erklingt.

Für Wien greift Christoph Zauner - zuletzt mit der Volksopern-Inszenierung der Bryars-Kammeroper „Marilyn Forever“ im Kasino als Spezialist für das kleine Format etabliert - nun auf die Broadwayfassung des Werks zurück. Allerdings spielt das KammerOrchester unter Benjamin Bayl nicht elektronisch verstärkt, sondern auf die im Haus mögliche Maximalzahl von 20 Musiker ausgeweitet. Der von Bernstein in der ihm eigenen Manier zusammengetragene Zitatereigen funktioniert auch in diesem kondensierten Habitus überraschend gut, führt stilistisch von Cole Porter über Kurt Weill, von Erik Satie bis Aaron Copland.

Schwerer ist hingegen, die weltumspannende Reise des reinen Toren Candide durch die Weltgeschichte ins räumlich kleine Format zu pressen. Zauner kompensiert diese Einschränkungen damit, die Kammeroper rundherum bespielen zu lassen und als Frank Castorf im Miniformat einzelne Szenen mittels Videokamera ins Auditorium übertragen zu lassen. Die Tour d‘Horizon des naiven Protagonisten durch die Moralfragen des Planeten wird hier als Gang durch mediale Schauplätze gedeutet, von der Soapopera im Stile mexikanischer Billigproduktionen, über Breaking News und Chatrooms. Am Ende dieses Moralstücks kehrt Candide den Philosophen und Ideologien den Rücken und umarmt das reale, werktätige Leben abseits der Illusionen.

Die Umdeutung als Kritik an der Medienwelt geht zwar nur bedingt auf - wobei diese Widerborstigkeit gegen schlüssige Lösungen im fragmentarischen Charakter des Grundstücks bedingt ist. An der Ideenvielfalt der Regie und der Spielfreude des in verschiedenste Rollen schlüpfenden Jungen Ensembles liegt dies jedenfalls nicht. Johannes Bamberger ist der überzeugende groß- und blauäugige Protagonist, dem sich als Gespielin Cunegunde Ilona Revolskaya zur Seite gesellt, die selbst bei den stets satirisch gefärbten Koloraturen Bernsteins ihre stimmliche Klasse unter Beweis stellt. So lebt der Abend in der Kammeroper vor allem von guten Einzelsequenzen, nicht vom großen Gesamtbogen. Und das ist vermutlich genau der Charakter von „Candide“, den man aus diesem Werk herausschälen kann.

(S E R V I C E - „Candide“ von Leonard Bernstein in der Wiener Kammeroper, Fleischmarkt 2, 1010 Wien. Regie: Christoph Zauner, Bühne: Vibeke Andersen, Kostüme: Mareile von Stritzky, Dirigent des KammerOrchesters: Benjamin Bayl. Mit Johannes Bamberger - Candide, Ilona Revolskaya - Cunegonde, Tatiana Kuryatnikova - Baroness/Old Lady, Aleksandra Szmyd - Paquette, Dumitru Madarasan - Dr. Pangloss/Priest, Kristjan Johannesson - Maximilan/Judge/Jew, Botond Odor - Baron/Inquisitor/Gouverneur, David Wurawa - Voltaire. Weitere Aufführungen am 2., 5., 7., 10., 12., 14., 18. und 20. Mai. www.theater-wien.at/de/programm/production/857/Candide)

(B I L D A V I S O - Fotos unter https://cloud.vbw.at/index.php/s/bJiEGjJN7S87DXC)




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