Letztes Update am Do, 02.05.2019 12:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen - Mariano Pensotti: „Das bisher schwierigste Stück“



Wien (APA) - Die Wiener Festwochen starten heuer ihr Programm in Wien-Donaustadt. Die erste Großproduktion ist „Diamante“ von Mariano Pensotti. In der Erste Bank Arena, in der normalerweise eisgelaufen wird, ist eine Siedlung aufgebaut. Zwischen den kleinen Häusern können sich die Zuschauer während des fünfeinhalbstündigen Abends frei bewegen. Die APA traf den argentinischen Regisseur in der „Bar“ der Stadt.

APA: Herr Pensotti, ich habe nachgesehen, es gibt tatsächlich eine Stadt namens Diamante, nämlich in der argentinischen Provinz Entre Rios. Sie hat 20.000 Einwohner.

Mariano Pensotti (lacht): Ja, das stimmt. Sie hat aber gar nichts mit unserer Stadt Diamante zu tun. Ich hab mir nur ihren Namen ausgeborgt. Er hat einen besonderen Klang, und es klingt auch nach Marketing, eine Stadt so zu nennen. Genau das richtige also für unser Projekt. Die Stadt ist zwar fiktional, allerdings inspiriert von einem realen Experiment, das vor rund 100 Jahren in Brasilien stattgefunden hat: „Fordlandia“ war der Versuch des Automobilkonzerns Ford, den Kautschuk für die Autoreifen zu sichern. Henry Ford ließ mitten im Amazonas-Dschungel eine Stadt errichten, eine westliche Kleinstadt als Art kapitalistisches Utopia. Es wurde ein komplettes Desaster.

APA: Und heute ist es eine Ruinenstadt?

Pensotti: Grundsätzlich ja, aber es leben dort auch Nachfahren der damaligen Arbeiter. Ich war immer fasziniert von dieser Geschichte und von der Idee der „Company Towns“. Firmenstädte oder Werksiedlungen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts überall errichtet - eine sehr kapitalistische Idee, bei der den Arbeitern zwar gute Lebensbedingungen geboten wurden, sie aber nahe ihrer Arbeitsstätte leben mussten. Das wurde in England, in den USA, in Südamerika gemacht, in Deutschland...

APA: Auch in der Tschechoslowakei, wo der Schuhhersteller Bata in Zlin ein richtiges Bataville errichtet hat.

Pensotti: Die meisten wurden früher oder später in etwas anderes transformiert, aber im 21. Jahrhundert, so scheint es, kommen sie wieder in Mode. Denken Sie an die Projekte von Google oder Apple im Silicon Valley, das sind Hipster Towns, in denen es keine Trennung zwischen Privat- und Berufsleben gibt. Auf der anderen Seite sind oft dieselben globalen Unternehmen für eine ganz andere Art von Company Town verantwortlich, die etwa in China oder Mexiko errichtet wird: Richtige Ausbeutungsstädte, wo die Rohstoffe für all die coolen Sachen, die im Silicon Valley designt werden, herkommen. Also zwei sehr unterschiedliche Ausformungen derselben Idee.

APA: Was war dabei Ihr Ansatz als Theatermacher?

Pensotti: Mich interessiert die Art der Geschichten, die in diesem Kontext erzählt werden können. Dieses Projekt ist kein Dokumentartheater, die Geschichten stammen nicht aus der Recherche oder aus Interviews, sondern sind alle erfunden. Sie sind miteinander verwoben, doch den Kontext müssen die Besucher selbst herstellen, die sich zwischen elf Häusern bzw. Spielorten frei bewegen können. Jede Szene dauert nur acht Minuten, dann muss man wechseln. Es gibt dabei eine Kombination aus Text, der von den Personen gesprochen wird, und projiziertem Text, der die Geschichten der Charaktere und der Stadt erzählt. Das ganze Stück ist in drei Kapitel eingeteilt, so dass man ein Jahr im Leben dieser Stadt mitbekommt und erfährt, wie sehr das Unternehmen und die Lebensbedingungen der Menschen sich ändern.

APA: Das immersive Theater, bei dem die Zuschauer hineingezogen werden sollen, ist ja groß in Mode. Kritiken aus Duisburg beschrieben dagegen eher eine Art von Menschenzoo, bei dem man in die Häuser wie in Aquarien hineinschauen kann.

Pensotti: Ich wollte kein partizipatives Projekt machen. Es gibt tatsächlich eine klare Trennung in Zuschauer und Schauspieler. Es ist keine dieser Vorstellungen, wo man mit den Darstellern an einem Tisch sitzt und gemeinsam isst. Aber man muss sich selbst aktiv ein Bild machen. Je nachdem, welche Szenen jemand sieht, und wie er diese für sich zusammenfügt, wird sich seine Wahrnehmung von jener der anderen unterscheiden. Einerseits repräsentieren die Zuschauer die Außenwelt, vor der sich Bewohner einer solchen Gated Community fürchten, andererseits ist es wie das gemeinsame Lesen eines Romans. Man muss tatsächlich auch recht viel lesen im Laufe des Abends. Es hat etwas davon, einen Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts in den Theaterraum zu übertragen. Dickens oder Balzac von heute...

APA: Wie schwierig war es, verschiedene Geschichten zu finden, die sich miteinander kombinieren lassen?

Pensotti: In Sachen Storytelling und Dramaturgie war es vielleicht das schwierigste Stück, das ich je gemacht habe. Ich musste elf sich fortsetzende Geschichten erfinden, die sinnvoll zusammenpassen sollen. Da gibt es Gewerkschaftsführer und Politiker, Charaktere, die miteinander Liebesaffären haben... Dabei sollte die Menge der Informationen über die einzelnen Figuren und die ganze Stadt in etwa gleich sein. Wir haben während der Vorstellungsserie bei der Ruhrtriennale noch Dinge verändert und klarer gemacht. Für Wien habe ich jetzt noch einmal etwas vereinfacht und auf der anderen Seite mehr Kombinationsmöglichkeiten eingebaut. Auch die politische Seite des Stückes, die sich für mich erst während der Vorstellungen so deutlich gezeigt hat, habe ich noch verstärkt.

APA: Sie stoßen viele Themen an, von denen die politische Diskussion in Europa beherrscht wird: Der Trend zum Autoritarismus, das sich Abschotten gegen Außen, die zunehmende Dominanz der Wirtschaft gegenüber der Politik, der Siegeszug des Kapitalismus. Wie sieht das in Argentinien aus?

Pensotti: In Südamerika habe ich den Eindruck, dass jedes Land zunehmend selbst zur Company Town wird. Unternehmen bekommen immer mehr Macht im Verhältnis zum Staat, öffentliche Räume werden eingeschränkt. Die ganze Idee des Neoliberalismus ist auf dem Siegeszug. Nach 10, 15 Jahren von Mitte-Links-Regierungen hat sich die Situation in den vergangenen zwei, drei Jahren dramatisch nach rechts verschoben. Private Unternehmen bestimmen unser Leben mehr und mehr. Das war mein Antrieb für die Entwicklung des Stückes. Die dabei behandelten Konflikte sind überall dieselben.

APA: In Venezuela scheint sich die Situation zuzuspitzen. Haben Sie eine Prognose, wie es dort weitergehen wird?

Pensotti: Die Situation in Venezuela ist sehr komplex und sehr tragisch. Man soll nicht vergessen: Es gibt eine demokratisch gewählte Regierung, ob man sie nun unterstützt oder nicht. Maduro wurde gewählt. Ich bin mit vielen Dingen, die er gemacht hat, gar nicht einverstanden, aber ich bin noch mehr gegen das, was sie aus Venezuela machen wollen. Wer da von den USA gepusht wird, ist noch schlimmer. Und wenn ich von wachsendem Einfluss der USA spreche, dann meine ich einen aggressiven Kapitalismus. Das ganze politische System geht in eine verrückte Richtung.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Mariano Pensotti wurde 1973 in Buenos Aires geboren, studierte Film, bildende Kunst und Theater in Buenos Aires, Spanien und Italien und gründete zusammen mit der Bühnenbildnerin Mariana Tirantte, dem Musiker Diego Vainer, dem Lichtdesigner Alejandro Le Roux und der Produzentin Florencia Wasser die Kompanie Grupo Marea. Als Autor und Regisseur realisierte er in den vergangenen zehn Jahren über 15 Projekte. Mit „Cineastas“ war er bereits 2013 bei den Wiener Festwochen zu Gast. „Diamante“ hatte im August 2018 bei der Ruhrtriennale Premiere.

(S E R V I C E - Mariano Pensotti / Grupo Marea: „Diamante“, Text, Regie: Mariano Pensotti Bühne, Kostüm: Mariana Tirantte, Musik: Diego Vainer. Erste Bank Arena, Wien 22, Attemsgasse 1, Termine: 11., 12., 14.-16., 18., 19. Mai, jeweils 18 Uhr. Deutsch und Spanisch mit deutschen Übertiteln, Dauer: 5.30 Stunden, inkl. zwei Pausen. Wiener Festwochen. Karten: 01 / 589 22 11, www.festwochen.at)




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