Letztes Update am Fr, 03.05.2019 09:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ironische Populismus-Studie: Musicalklassiker „Evita“ in Klagenfurt



Klagenfurt (APA) - Skrupellosigkeit und Sinnlichkeit kennzeichnen in „Evita“ von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice die argentinische Präsidentengattin Eva Peron. Beides verstand Musicalstar Annemieke van Dam am Donnerstag im Klagenfurter Stadttheater stimmstark zu verkörpern. Ihre schillernde Charakterstudie, eine schwungvolle Choreographie und viele ironische Gags wurden vom Premierenpublikum begeistert gefeiert.

Die Entwicklung vom Aschenputtel zur First Lady führt die zwiespältige Titelheldin durch die Betten der Männer, was Regisseur Aron Stiehl auch zeigt - dezent, aber dennoch herausfordernd für die Hauptdarstellerin, die die Gratwanderung zwischen Machtwillen und Zerbrechlichkeit scheinbar mühelos bewältigt. Unterstützt wird sie dabei von den einfallsreichen und humorvollen Tanzeinlagen je eines großartigen Männer- und Frauen-Ensembles in der Choreographie von Otto Pichler. Zwischen Tangotanz und Revuetheater kommen da auch Assoziationen an heutige TV-Formate wie Dancing Stars und Money Maker auf, schwungvoll und schrill.

Angesiedelt ist das Geschehen in einem Mausoleum. Das Bühnenbild (Friedrich Eggert) ermöglicht mit seinen Pfeilern und Podesten dank der eifrig eingesetzten Drehbühne immer wieder neue Auf- und Abgangsräume, bietet aber ebenso Raum für die Einsamkeit der wie eine Heilige verehrten Landesmutter.

Bei aller Opulenz fehlen auch die leisen Töne in dieser Inszenierung nicht. Eine Krebserkrankung macht Evita zunehmend zu schaffen, die starke Frau verlöscht im Rollstuhl, auch wenn ihr Mythos weiterlebt. Charisma und der Wille zur Macht hatten Eva zu einer begnadeten Populistin gemacht, doch Sympathieträgerin ist sie keine, diese ambivalente Figur, der Annemieke van Dam dennoch Tiefe verleiht. Neben ihr bleibt Nigel Casey als Juan Peron etwas blass, was wohl der Rolle geschuldet ist. Edward Hall ist Che und führt als lässig-schelmischer Erzähler durch die Geschichte. Ramin Dustdar als erster Liebhaber Evitas und Paulina Plucinski als Perons Geliebte vervollständigen das souveräne Ensemble.

Dass die sperrige und rhythmisch fordernde Geschichte nicht rührselig aber trotzdem emotional daherkommt, liegt neben der Regie vor allem an Mitsugu Hoshino, der das Kärntner Sinfonieorchester schmissig dirigierte. Schönen Flötensoli standen dabei manchmal etwas zu aufdringliche Blechbläser gegenüber, schnelle Takt- und Tempowechsel schufen einen differenzierten Klangteppich - eine Herausforderung, die Sänger und Musiker gleichermaßen gut meisterten. Leitmotivisch zieht sich der wohl bekannteste Song „Don t cry for me, Argentina“ durch das Stück, das auch durch die Verfilmung mit Madonna und Antonio Banderas Weltruhm erlangte.

(S E R V I C E - „Evita“, Gesangtexte von Tim Rice, Musik von Andrew Lloyd Webber, Inszenierung der Originalproduktion von Harold Prince, in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln, Stadttheater Klagenfurt. Regie: Aron Stiehl, musikalische Leitung: Mitsugu Hoshino, Choreographie: Otto Pichler, Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert, Choreinstudierung: Günter Wallner, Dramaturgie: Markus Hänsel. Mit Annemieke van Dam (Eva Peron), Edward Hall (Che), Nigel Casey (Juan Peron), Ramin Dustdar (Magaldi), Paulina Plucinski (Perons Geliebte), Kärntner Sinfonieorchester, Chor des Stadttheaters Klagenfurt, Singakademie Carinthia. Weitere Aufführungen: 4., 5., 7., 9., 14., 16., 18., 19., 24., 25., 28., 31. Mai, 1., 2., 4. bis 8. Juni, jeweils 19.30 Uhr)




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