Letztes Update am Fr, 03.05.2019 12:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Backstage Staatsoper“ - Regisseur: „Muss niemand zufriedenstellen“



Wien (APA) - Regisseur Stephanus Domanig hat sich nach der Ballettakademie („Just Ballet“) nun Wiener Staatsoper zugewandt. Mit „Backstage Staatsoper“ blickt er hinter die Kulissen des Opernbetriebes. Vor dem Kinostart sprach der 1967 geborene Südtiroler mit der APA über die Lust am Verstehen, den Blick in den Schatten und darüber, weshalb er nur Filme über Dinge machen möchte, die er mag.

APA: Was war für Sie der Ausgangspunkt für „Backstage Staatsoper“? Was wollten Sie erreichen mit Ihrem Film?

Domanig: Ich wollte die Staatsoper als das zeigen, was sie ist: einerseits das größte Repertoirehaus der Welt, andererseits gibt es die regelmäßig stattfindenden Neuproduktionen. Diese beiden Säulen zeichnen die Staatsoper aus und das wollte ich auch im Film erzählen, was natürlich bei einem derart großen Betrieb nicht ganz einfach ist, schließlich kann man nicht alle Abteilungen zeigen.

APA: Wie viel Vorarbeit hat „Backstage“ benötigt? Haben Sie unmittelbar mit dem Dreh beginnen können?

Domanig: Wir hatten nur ca. 20 Drehtage für das ganze Projekt - die aber über 20 Monate verteilt. Begonnen habe ich die Recherche ca. ein Jahr vor Drehbeginn. Es ist ja recht kompliziert sich in diesem Haus zurecht zu finden. Anfangs ging es mir darum, ein paar Tage die Atmosphäre hinter der Bühne aufzunehmen, noch ganz ohne Kamera. Man braucht lange um zu durchblicken, wie der Alltag in der Staatsoper wirklich funktioniert. Ich habe etwa nicht gewusst, was ein musikalischer Studienleiter macht, bis mir das erklärt wurde. Und die Atmosphäre Backstage ist sehr eindrucksvoll. Ein großes Team aus unterschiedlichsten Menschen und Berufen, das aber unheimlich gut zusammenarbeitet. Und dann gab es natürlich viele Gespräche in den einzelnen Abteilungen.

APA: Sind Sie angesichts dieses gewaltigen Räderwerks überrascht, dass jeden Abend der Vorhang aufgeht und tatsächlich eine Inszenierung stattfindet?

Domanig: Auf dieser Bühne stehen an nahezu 300 Tagen im Jahr jeweils drei dieser riesigen Bühnenbilder. Es ist wie ein großes Uhrwerk aus vielen Zahnrädern, die da ineinandergreifen müssen: Abbau des Vortages, Aufbau der Probe, Abbau der Probe, Aufbau Abendvorstellung - und das nahezu tagtäglich ohne Pause. Die Bühne ist permanent in Bewegung. Diese Dynamik ist sehr beeindruckend, genauso wie die Dimension des Bühnenhauses: Man könnte, von der Höhe her, das Riesenrad hineinstellen.

APA: Rein auf die Kraft der Bilder, einzelner Einstellungen ohne Interviews wollten Sie dabei nicht setzen?

Domanig: Unser Zugang war zunächst ein sehr cineastischer. Meine Kamerafrau Eva Testor hat es sehr schön ausgedrückt: ein Mischung aus „Direct Cinema und Visconti“. Einerseits beobachten wir das Geschehen, und andererseits wollen wir den Topos Oper in all seiner Opulenz abbilden. Aber dann kam ich im Rahmen der Recherche an den Punkt, an dem mir bewusst war, dass die Kinozuschauer nicht verstehen würden, was vor sich geht, wenn wir nur beobachten. Und ich habe mich dann sehr bewusst dafür entschieden, in speziellen Situationen - sozusagen „on location“ - mit Leuten Gespräche zu führen.

APA: Was dabei praktisch nicht vorkommt, sind jene Menschen, die sonst für gewöhnlich im Scheinwerferlicht der Opernwelt stehen...

Domanig: Es gibt ja sehr viel Bekanntes im Zusammenhang mit der Wiener Staatsoper. Die berühmten Sängerinnen und Sänger, das weltberühmte Orchester, Dirigentinnen und Dirigenten, usw. Wir blicken mit diesem Film ein bisschen am Scheinwerferlicht vorbei und legen den Fokus eher auf die, die im Schatten dieser Scheinwerfer arbeiten.

APA: Wie gehen Sie mit der Erwartungshaltung jener um, die Sie für einen Film interviewen?

Domanig: Ich muss niemanden zufriedenstellen, aber ich möchte auch niemanden verzerren. Mit einer Kamera in der Hand ist es sehr leicht jemanden vorzuführen. Aber das interessiert mich nicht. Ich versuche so authentisch wie möglich von etwas oder über jemanden zu erzählen.

APA: Wie frei sind Sie beim Dreh gewesen?

Domanig: Die einzige Vorgabe war: Ihr dürft unseren laufenden Betrieb nicht stören. In diesem Rahmen haben wir uns frei bewegen können. Und mit dem Resultat bin ich durchaus zufrieden. Beim Dokumentarfilm ist es wie mit einem Marmorblock als Material - man muss die Skulptur im Inneren nur herausarbeiten.

APA: Stand Ihr affirmativer Zugang bereits zu Beginn fest?

Domanig: Es gibt den Blick des Aufdeckers, der einen Skandal wittert, was natürlich legitim und wichtig ist. Aber im Fall der Staatsoper ging es mir darum, eine recht unbekannte Welt zu zeigen. Natürlich gibt es dort - wie wohl in jedem großen Betrieb - auch Reibereien, Eifersüchteleien oder Konflikte. Aber diese zu zeigen wäre eine Überhöhung von etwas, was für die von uns erlebte Atmosphäre unerheblich ist. Was wir erlebt haben, ist, wie gut dieses große Team zusammenarbeitet und sich gegenseitig unterstützt. Im Übrigen halte ich es eher mit Wim Wenders, der einmal gesagt hat: „Ich mache Filme über Dinge, die ich mag“. Wir sollten als Gesellschaft aufpassen, nicht nur hinter etwas zu blicken um zu kritisieren. Es kann auch schön sein zu verstehen, wie es funktioniert. Und die Offenheit, mit der uns begegnet wurde spricht auch für eine große Transparenz.

APA: Sind Sie selbst Opernfan?

Domanig: Ich bin prinzipiell musikaffin und empfinde Film ebenfalls als ein sehr musikalisches Medium. Und in gewisser Weise ist der Film, in seiner Verbindung aus Bildern, Geschichten und Musik, mit der Oper wohl verwand, so eine Art jüngerer Cousin. Aber ich würde mich nicht als großen Opernkenner bezeichnen. Dennoch habe ich auch schon erlebt, was Oper mit einem machen kann - im positivsten Sinne.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)




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