Letztes Update am Sa, 04.05.2019 09:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Werther“ im Volx/Margareten: Zusammenfassung mit Overheadprojektion



Wien (APA) - 2017 hatte die Welt ihren „Werther“-Moment: Wie eine Studie belegte, stiegen jugendliche Selbstmorde nach der Ausstrahlung der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ um 30 Prozent. Auch Goethe hatte 1774 nach der Veröffentlichung von „Die Leiden des jungen Werther“ ein Problem mit Nachahmungen. Die am Freitag aufgeführte Inszenierung von Calle Fuhr hingegen versucht nicht einmal, nahe zu gehen.

Gerade einmal 100 Minuten dauert Fuhrs Zusammenfassung jenes Prototypen des „Sturm und Drang“, mit dem Goethe einst seinen Durchbruch feierte. Sogar einen Overhead-Projektor hat der 1994 in Düsseldorf geborene Regisseur auf die sonst lediglich mit einem Tisch und zwei Stühlen ausgestattete Bühne gewuchtet, um zu zeigen: Das hier ist Schulstoff. Und tatsächlich - eine Deutschprüfung würde man nach dem Besuch der Inszenierung höchstwahrscheinlich gerade so bestehen. Fuhr hat den Stoff in seiner Inszenierung gut zusammengefasst, am emotionalen Kern schrammt er allerdings gnadenlos vorbei.

Anton Widauer gibt einen ungestümen, auch empfindsamen, aber keineswegs reflektierten Werther, der in Goethes Briefroman mit seinen Gefühlen stets hadert. Er ist ein verwirrter, liebestoller junger Mann, an die Existenz geht ihm die Liebe zu Lotte allerdings nicht. Vielmehr ist es ein seltsames Eindringen in die Erwachsenenwelt, die der junge Liebende vollzieht: Mit Sören Kneidl als Lottes Ehemann Albert hat Werther einen übermächtigen Gegenspieler, in Lotte eine ohnmächtige Angebetete. Tilla Rath ist der passive Part in dieser Dreiecksbeziehung, dem Calle Fuhr keine wahre Emotion zugesteht. Lotte ist hier - noch mehr als im Original - ein willenlosen Objekt im Kampf der Testosteron-Vertreter.

Auch Werther selbst mag man die Tiefe nicht wirklich abnehmen. Dass Calle Fuhr, der im Volx/Margareten bereits Heiner Müllers „Philoktet“ inszeniert hat, die wichtigsten Passagen aus den fiktiven Briefen in antiquierter Schriftart an die Wand projiziert und deklamieren lässt, nimmt dem Abend jede Ernsthaftigkeit. Hier wird ein Stück Klassikliteratur im Schnelldurchlauf und in stilisierten Kostümen in die Kulisse geworfen, ohne der Kraft der Vorlage Rechnung zu tragen oder aber den Kanon radikal zu hinterfragen. So kommt selbst im Laufe dieses kurzen Theaterabends Langeweile auf. Im stark gekürzten zweiten Teil nimmt Fuhr dann eine Abkürzung: Werthers Freitod wird zu einem angestifteten Selbstmord.

Das Publikum spendete schließlich herzlichen Applaus für einen Abend, der es nicht zu verdeutlichen vermag, warum „Die Leiden des jungen Werther“ über die Jahrhunderte hinweg eine derartige Magie auf seine Leser verströmt hat.

(S E R V I C E - „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe, Fassung von Calle Fuhr (auch Regie und Ausstattung). Mit Sören Kneidl, Tilla Rath und Anton Widauer. Weitere Termine in den Bezirken. 8. Mai (Theatersaal Längenfeldgasse), 10. Mai (VZ Brigittenau), 11. Mai (VZ Heiligenstadt), 12. Mai (VZ Großfeldsiedlung), 14. Mai (VZ PAHO), 15. Mai (Theater Akzent). Weitere Termine, Tickets und Infos unter www.volkstheater.at)




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