Letztes Update am Sa, 04.05.2019 18:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


donaufestival - Robotersolo: Rimini Protokoll automatisierte Melle



Krems (APA) - Es ist das technische Schaustück des heurigen donaufestivals: Mit „Unheimliches Tal/Uncanny Valley“ bringen Stefan Kaegi vom Rimini Protokoll und Autor Thomas Melle einen Roboter auf die Bühne, der sich allerlei Gedanken macht. Er spricht von Kontrollverlust, fragwürdigen Doppelungen und Gefühlen, die durch technische Finessen entstehen. Das ist unterhaltsam, aber eben auch vom Effekt dominiert.

Uraufgeführt vergangenen Herbst an den Münchner Kammerspielen, macht die theatrale Installation dieses Wochenende in Krems Station. Im Forum Frohner ist der sitzende Doppelgänger von Melle ein adrett gekleideter, meist ruhiger Gastgeber. Sein Problem bestehe in der „Unstetigkeit“, erfährt man eingangs. Anhand der eigenen Biografie sowie jener des legendären Informatikers Alan Turing soll „die Überwindung des ‚Uncanny Valley‘“ gelingen - damit wird jenes unheimliche Gefühl beschrieben, wenn sich Mensch und Maschine gleichen, aber eben nicht völlig.

Natürlich ist Melles biopolare Störung ein Thema; natürlich wird sein Werk „Die Welt im Rücken“, in dem er seine Krankheit verhandelt, angerissen; sogar dessen Dramatisierung am Burgtheater mit Joachim Meyerhoff ist für einen amüsanten Seitenhieb gut. Aber während der beeindruckend realistisch wirkende „Automat“ mit leicht ruckelnden Bewegungen erzählt, entgleisende Gesichtszüge illustriert und von Präzision fabuliert, ist es doch die Entstehungsgeschichte selbst, die noch mehr fesselt.

Auf einer Leinwand ist zu sehen, wie Melle vermessen, eingegipst und letztlich digital dupliziert wird. Er selbst kommentiert das als sein Roboter-Ich und wird doch immer wieder unterbrochen. Von einer Stimme, die sich am Turing-Test versucht, weiteren Einspielungen und letztlich seinem fleischlichen Selbst im Video. Man muss schmunzeln, wenn der Roboter fragt: „Mit welcher Gewissheit klicken Sie eigentlich online ‚Ich bin kein Roboter‘ an?“ Und natürlich regen Melles Überlegungen sowie Kaegis stimmige Inszenierung die grauen Zellen an. Aber mit noch größerem Interesse begutachtet das Publikum schließlich den Roboter selbst, der nach Ende des Stücks genauer untersucht werden kann.

Die möglichen Implikationen einer digitalen Gesellschaft, sie wurden am Samstag aber auch im Kino im Kesselhaus vor Augen geführt. Zunächst stand dort Hao Wus verspielte Dokumentation „People‘s Republic of Desire“ an. Die Streamingplattform YY hat in China Millionen Nutzer, hier werden Leute von nebenan zu landesweiten Stars. So absurd das Zurschaustellen von vermeintlichen Fähigkeiten (Gesang und Komik scheinen eher nebensächlich), so extrem die kapitalistischen Folgewirkungen des Systems. Die Live-Streamer messen sich im Wettstreit um die - auch finanzielle - Gunst des Publikums, im Hintergrund verfolgen windige Geschäftsleute ihre eigenen Ziele. Und der Rest der Bevölkerung? Schaut mit voyeuristischer Lust zu.

Dieser grell-überzeichnete Blick in eine oft nicht zu glaubende Parallelwelt wurde anschließend beim Vortrag von Helen Hester geerdet. Die Wissenschafterin der University of West London nahm sich „The gender of machines“ an und veranschaulichte, welche Formen von digitaler Imitation glaubhaft wirken, welche nicht und wie sie überhaupt zustande kommen. Letztlich gehe es gerade bei auf Algorithmen basierenden Lernprogrammen für Maschinen auch um die Frage des verwendeten Ausgangssamples: „Wer kann sprechen, wer kann gehört werden?“ Nicht umsonst würde Spracherkennung Probleme mit regionalen Akzenten oder weiblichen Stimmen haben, dahinter stehen auch gesellschaftspolitische Gegebenheiten.

Die „New Society“, die das donaufestival heuer diskutieren will, sie manifestiert sich natürlich maßgeblich im digitalen Abbild - und folglich auch diesen Performances, Filmen und Diskursen. Meist gelingt dem Programm, das heute beispielsweise noch Musik von Apparat oder am morgigen Sonntag die Österreichpremiere von Rapperin Kate Tempest zu bieten hat, der Spagat zwischen lustvoller Abhandlung und tiefergehendem Anspruch. Wem das manchmal trotzdem zu viel Input ist, der kann sich auch einfach an den Tricks selbst erfreuen. So ein Roboter ist schließlich auch im Jahr 2019 noch spannend.

(S E R V I C E - www.donaufestival.at)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter www.donaufestival.at/de/presse/presse-1 zum Download bereit.)




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