Letztes Update am So, 05.05.2019 09:51

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Ödipus/Antigone“ in St. Pölten: Konzert mit Rezitation und Rotation



St. Pölten (APA) - Die Jazzpianistin Johanna Borchert absolvierte gestern, Samstag, ein famoses Konzert auf der Bühne des Landestheaters Niederösterreich. Mit vielfältigem Einsatz von Instrument und Stimme rollte sie einen immer wieder erstaunlichen Klangteppich aus, auf dem ein sechsköpfiges Ensemble fast drei Stunden lang in stoischer Ruhe wandelte. Auf dem Programm stand nämlich eigentlich eine Theaterpremiere.

Die katalanische Regisseurin Alia Luque, seit 2016 immer wieder auch am Burgtheater engagiert, hat für ihren Antikenabend in St. Pölten die Schlüsselstellen von Sophokles‘ „Ödipus“ und „Antigone“ in der Bearbeitung von Heiner Müller und Bertolt Brecht zusammengefügt. Inhaltlich ist das tatsächlich schlüssig, erhält die Tragödie um Schuld und Schicksal, Macht und Hybris, Eigenverantwortung und Auflehnung mit der Konzentration auf Vater und Tochter zwei unterschiedliche Gesichter. Bei der Umsetzung setzt Luque auf eine Kombination von Improvisation, Rezitation und Rotation. Und überfordert damit Ensemble und Publikum.

In ihren Arbeiten setzt die Regisseurin gerne auf formale Strenge. 2017 brachte sie Josef Winklers furiose Anklage „Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“ im Kasino am Schwarzenbergplatz als streng choreografierten Sprachstrom zur Uraufführung. Auch bei Sophokles setzt sie nun auf Bilderverweigerung und Spielverbot. Auf der beständig in Bewegung befindlichen Drehbühne steht ein Klavier. Rund um dieses Zentralgestirn der Aufführung kreisen sechs Schauspieler in goldglitzernden Gewändern wie Planeten mit Deklamationsverpflichtung.

Michael Scherff als Vatermörder und Mutter-Beischläfer Ödipus, Hanna Binder als Bruderliebe über Gesetzestreue stellende Antigone, Bettina Kerl als strenger Herrscher Kreon sowie Silja Bächli, Tim Breyvogel und Tilman Rose in wechselnden Rollen (die durch rote Leuchtschrift am Bühnenhintergrund bezeichnet werden) bemühen sich nach Kräften, den funkelnden Versen auch die Kraft der Narration zu verleihen - und sind doch auf verlorenem Posten. Nicht nur benötigte dieses Konzept Sprecher ganz außergewöhnlichen Formats, um den Verzicht auf spielerische Interaktion wettzumachen - vor allem aber ist die Konkurrenz übergroß: Denn Johanna Borchert spielt groß auf.

Die 1983 in Berlin geborene und heute dort und in Kopenhagen lebende Jazzpianistin mit ausgeprägtem Interesse für indische Musik entlockt ihrem Flügel Beeindruckendes. Mit einer Mischung aus Komposition und Improvisation behandelt sie das Klavier in vielfältiger Weise, bedient die Tasten, zupft und streicht die Saiten, klopft auf den Rahmen, setzt Elektronik ein und zeigt, dass sie auch mit ihrer Stimme allerhand anfangen kann. Nicht nur lautstärkemäßig ist dieses große Solo mehr Bürde als Verstärkung für das Schauspieler-Sextett, das sich bemüht, uns die Ereignisse, die in Theben ihren Lauf nehmen, als zentrale Elemente der Menschheitstragödie nahezubringen.

„Love Or Emptiness“ hieß Borcherts bisher letztes Album. Liebe oder Leere? Solche radikalen Entscheidungen können auch danebengehen. Niemand weiß das besser als die alten Griechen.

(S E R V I C E - „Ödipus / Antigone“ von Sophokles in der Bearbeitung von Heiner Müller und Bertolt Brecht, Inszenierung, Kostüme: Alia Luque, Bühne, Kostüme: Christoph Rufer, Musik: Johanna Borchert. Mit Silja Bächli, Hanna Binder, Tim Breyvogel, Bettina Kerl, Tilman Rose und Michael Scherff. Landestheater Niederösterreich. Nächste Vorstellungen: 10., 11., 29.5., 5.6., Karten: 02742 / 90 80 80 600, www.landestheater.net)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen im Pressebereich von www.landestheater.net zum Download bereit.)




Kommentieren