Letztes Update am So, 05.05.2019 11:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Auftakt der Ruhrfestspiele zeigt den Bürger als Helden



Recklinghausen (APA/dpa) - Bernd, der Pilot, steht mitten in der Nacht auf, fährt zum Flughafen, fliegt durch halb Europa und kehrt doch immer wieder nach Hause zurück - nach Recklinghausen. Dort ist er am Samstag der Erste auf dem Laufsteg bei der Inszenierung „What is the City but the People?“. Der Laufsteg führt quer über den Rathausplatz und ist Mittelpunkt der Auftakt-Inszenierung der Ruhrfestspiele.

Nach und nach schreiten, laufen, tanzen, spazieren mehr als 150 Recklinghäuser über den 50 Meter langen, knallgelben Steg. Auf Bernd folgt Anna, die gerade in Elternzeit ist und in wenigen Tagen ihr zweites Kind erwartet. So verrät es der Text, der groß auf einer Leinwand zu lesen ist.

Die emotionale Inszenierung mit den Alltagshelden aus der Nachbarschaft funktioniert. Trotz des teilweise strömenden Regens verlässt kaum einer der Zuschauer den Rathausplatz. Sogar auf der gegenüberliegenden Straßenseite bleiben die Leute stehen und sehen zu. Die Lebensgeschichten sind zu spannend und mitreißend, um einfach zu gehen. Das Team rund um den neuen Intendanten Olaf Kröck hat es geschafft, eine ganze Stadt in den Bann zu ziehen. Diese Hommage an Recklinghausen wird mit Sicherheit keiner so schnell vergessen.

Eigentlich sollten nur 100 ausgewählte Bürger die Stadt repräsentieren. Aber ganze Gruppen stehen schließlich auf dem Laufsteg: Volleyballerinnen, Cheerleaderinnen, Nachbarn aus der Uhlandstraße sowie eine Familie, die Wurzeln in Togo und einen Ehrenbürger Recklinghausens als Familienoberhaupt hat.

Ursprünglich stammt die Idee zu der Inszenierung von Jeremy Deller, der 2017 damit das Manchester International Festival eröffnete. Regie führte in Recklinghausen Richard Gregory, die Musik kam von DJ Moguai, der in Recklinghausen geboren und international bekannt ist.

Von „einem Moment der Dichte“ spricht Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck vor der Inszenierung, die er einen „Kraftakt für alle Beteiligten“ nennt. Monatelang habe ein Autoren-Team stundenlang Interviews mit den Beteiligten geführt. Schließlich sei in kurzen Sätzen herausgefiltert worden, was die Menschen ausmache.

Wie etwa bei Elke. Die 60-Jährige hat einen Schlaganfall überstanden und werde nun „als Altenpflegerin verheizt“. Nicht nur sie sorgt für nachdenkliche Gesichter, auch zwei „Sternen-Mütter“, die ihre Kinder tot gebären mussten und auf dem Laufsteg Ballons mit den Namen der Kinder, die nicht leben durften, in die Luft steigen ließen.

Dann radelt Extremsportler Andreas über den Laufsteg, der einst mit eisernem Willen seine Drogensucht überwand, um als Triathlet weltweit für Aufsehen zu sorgen. Auch Bestatter Conrad, der türkische Filmstar Selik, ein Taubenzüchter, zwei Obdachlose, ein Imker, eine Bäckerin, ein Rosenverkäufer und ein Postbote mit gelben Rad - sie alle präsentieren ihre Geschichten aus, von, über, mit und in Recklinghausen ohne Scheu. „Es sind Geschichten, die das Leben schreibt“ ist in großen Lettern auf dem Rathausplatz zu lesen.

Noch bis zum 9. Juni locken rund 210 Veranstaltungen ins Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen und an zahlreiche weitere Spielstätten. Beteiligt sind mehr als 850 Künstler aus rund 16 Ländern, darunter Namibia, dem Libanon, Israel, Indien, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Griechenland und der Ukraine.




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