Letztes Update am Mo, 06.05.2019 09:57

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Viele NS-Gedenkmuseen in Osteuropa in Polit-Zwickmühle



Wien (APA) - Die museale Darstellung und Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und der NS-Herrschaft in vielen Ländern Ost- und Südosteuropas stecken in der politischen Zwickmühle. Vor allem in Polen und Ungarn gebe es aktuell trotz moderner Ausstellungsdesigns wenig Interesse an selbstkritischen, differenzierteren Museumskonzepten, so ein Ergebnis von Analysen der Wiener Forscherin Ljiljana Radonic.

„Zu viel Schande, zu wenig ‚Wahrheit‘“, so lasse sich die vor allem seitens der rechtspopulistischen polnischen Regierungspartei PiS vorgebrachte Kritik gegen das ursprüngliche Ausstellungskonzept des „Museums des Zweiten Weltkriegs“ in Danzig zusammenfassen, heißt es am Montag in einer Aussendung des Wissenschaftsfonds FWF, der Radonics Arbeit förderte. Obwohl erst im März 2017 eröffnet, führte die Einbeziehung von Alltagsgeschichte abseits von Heldenerzählungen, auf das Leid der Zivilbevölkerung sowie auf globale und europäische Zusammenhänge ohne eine ausschließlich nationalpolnische Perspektive zu heftigen Kontroversen und der Absetzung des Gründungsdirektors.

Nicht zuletzt entzündete sich die Kontroverse an der Verhandlung von Fragen zu polnischen Mitverantwortlichen an den Nazi-Gräueln. Hat sich dieses Museum ursprünglich „vor allem an internationalen Vorbildern und Trends ausgerichtet“, ging es rasch nach der bereits umkämpften Eröffnung unter der politisch forcierten neuen Leitung an den politisch opportunen Umbau der Ausstellung, so die am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätige Politikwissenschafterin zur APA.

Insgesamt zehn post-sozialistische Gedenkmuseen aus neun EU-Mitgliedsländern Ost-, Mittel- und Südosteuropas nahm Radonic näher unter die Lupe. Derartige Extrembeispiele fand sie zwar nicht überall, Polen sei aber kein Einzelfall. So ist in Budapest die Eröffnung des „Hauses der Schicksale“, in dem die ungarischen Retter der jüdischen Bevölkerung im Mittelpunkt stehen sollen, vor allem wegen des internationalen Widerstandes gegen das als geschichtsrevisionistisch betrachtete Konzept noch in der Schwebe.

„Ein Holocaustmuseum ist doch etwas anderes als ein Museum des Zweiten Weltkriegs. Hier schaut die internationale Gemeinschaft genauer hin, weil es weniger für eine Frage des nationalen Narrativs gehalten wird“, so Radonic. Geschichtsrevisionistische Ansätze gebe es in anderen untersuchten Staaten zwar auch, in Polen und Ungarn sei die Situation aber speziell, da dort demokratiepolitisch bedenkliche Beschneidungen der Meinungs- und Medienfreiheit dazukämen.

Es gebe aber auch gegenläufige Entwicklungen: So gab es in den baltischen Staaten lange Zeit starke Tendenzen zur Umdeutung von Geschichte nach dem Zerfall der Sowjetunion. Im Gebäude des „Museum der Okkupationen und des Freiheitskampfs“ in Vilnius (Litauen) folterten einst Sowjets und Nationalsozialisten. Die NS-Zeit wurde dort aber erst nach 2011 thematisiert. „Das war ein Extrembeispiel, wo sich aber jetzt etwas verändert“, sagte Radonic. In Estland gehe ferner eine neue Generation von Museumsmacherinnen nun neue Wege mit stärkerer internationaler Orientierung.

Durchaus erstaunlich sei auch die Tatsache, dass es in Rumänien und Bulgarien bis dato gar keine Gedenkmuseen zum Zweiten Weltkrieg gibt. Das liege vermutlich daran, dass hier auch im Sozialismus ein starker Nationalismus forciert wurde, der immer noch prägend wirke. Angesichts dessen blicke man mitunter nicht gerne auf heikle geschichtliche Fragen, so die Politikwissenschafterin, die auf Basis dieser Forschungsarbeit einen hochdotierten Forschungspreis (Consolidator Grant) des Europäischen Forschungsrates (ERC) einwerben konnte. In diesem Rahmen wird sie sich in den kommenden fünf Jahren mit der Globalisierung von Erinnerung in 50 Museen auf vier Kontinenten befassen.

(S E R V I C E - https://doi.org/10.1080/14623528.2018.1522831)




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