Letztes Update am Mo, 06.05.2019 16:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Marathonrede von Präsident Xi als Strafe



Peking (APA/AFP) - Ein seit vergangener Woche verschwundener chinesischer Student ist nach eigenen Angaben bei einer früheren Festnahme misshandelt worden. Polizisten hätten im Februar fünf Tage lang versucht, ihn mit Schikanen einzuschüchtern, erzählt Qiu Zhanxuan in einem am Montag in seiner Abwesenheit veröffentlichten Video und Schreiben.

Unter anderem musste er sich demnach eine dreistündige Rede von Präsident Xi Jinping bei höchster Lautstärke anhören.

Qiu studiert an der renommierten Universität von Peking. Bis Dezember war er Vorsitzender der dortigen Marx-Gesellschaft, wurde aber von der Hochschulverwaltung zum Rücktritt gezwungen, weil er sich für Arbeiter eines südchinesischen Maschinenunternehmens eingesetzt hatte, die eine eigene Vertretung gründen wollten.

„Liebe Genossen, Freunde, zu dem Zeitpunkt, an dem ihr das lest, bin ich bereits hinter Gittern und habe meine Freiheit verloren“, heißt es in dem Schreiben, das gemeinsam mit dem Video von der damals gegründeten Jasic Workers Solidarity Group veröffentlicht wurde. Darin berichtet Qiu, wie er im Februar wiederholt Leibesvisitationen unterzogen wurde, bei denen er sich komplett ausziehen musste und ihm Xis Marathonrede vor dem jüngsten KP-Kongress vor zwei Jahren vorgespielt wurde.

„Außerdem wollten sie mich zu einem schriftlichen Verzicht auf alle weiteren Bildungsangebote zwingen“, erklärte Qiu weiter. Seit vergangener Woche gelten er und fünf weitere Studenten als vermisst. Auch am Montag war ihr Aufenthaltsort unbekannt. Eine AFP-Anfrage bei Pekings Polizei blieb unbeantwortet.

Während Präsident Xi sich immer wieder auf die Lehren von Marx und der Kommunistischen Partei beruft, sind marxistische Studenten, die sich für Arbeiterrechte einsetzten, bei den Behörden nicht geduldet. Bereits im Dezember war Qiu festgenommen worden, weil er den 125. Geburtstag von Mao Zedong, des umstrittenen Gründers der kommunistischen Volksrepublik, feiern wollte.

Das Verschwinden von studentischen Aktivisten wie Qiu habe einen „abschreckenden Effekt“ auf andere Studenten, die Arbeiterbewegungen unterstützten und an die soziale Gleichheit glaubten, sagte die China-Expertin von Amnesty International, Doriane Lau. „In der Schule lernen sie alles über soziale Gerechtigkeit, doch wenn sie die Arbeiter unterstützen und sich für gesellschaftliche Randgruppen einsetzen, werden sie heftig und widerrechtlich bestraft“, sagte Lau der Nachrichtenagentur AFP.




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