Letztes Update am Di, 07.05.2019 04:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Katastrophen nivellieren laut Walter Scheidel die Ungleichheit



Wien (APA) - In der Menschheitsgeschichte haben immer Katastrophen für den Ausgleich zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten gesorgt. Kriege, Gewalt, Revolutionen und Massenepidemien bedingten seit jeher eine Nivellierung, sagte der Historiker Walter Scheidel am Montagabend bei einer Veranstaltung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) zur Geschichtsforscherin und Autorin Gudula Walterskirchen.

So sei die Gleichheit in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg am höchsten gewesen, erläuterte der Professor für Alte Geschichte an der Universität Stanford im US-Staat Kalifornien. Nach dem Krieg etablierten sich in Europa Sozialstaaten, eine hohe Steuerquote sorgte für die nötige Umverteilung. „Der Wohlfahrtsstaat ist sehr erfolgreich, die Verhältnisse in Kontinentaleuropa sind fast optimal“, auch wenn das heute von vielen Menschen nicht mehr so wahrgenommen werde, so Scheidel.

In Europa sei die Nettoungleichheit viel geringer als in den USA oder in Lateinamerika, obwohl es Indizien gäbe, dass die Solidarität migrationsbedingt abnehme. Denn der „Nationalstaat beruht auf der Annahme des Gemeinsamen. Je mehr Einwanderer es gibt, desto mehr bestehen Zweifel an der Legitimität des Sozialsystems“. Zumindest fühlen es viele laut dem Historiker Menschen so. In Skandinavien etwa „sind die Leute immer weniger bereit in das Sozialsystem einzuzahlen.“ Im Vergleich zum klassischen Einwanderungsland USA zeige sich, dass Diversität zu weniger Solidarität führe, da „ich nicht für Leute schufte, die ich nicht mag“.

Abstiegsängste plagen Scheidel zufolge vor allem die untere Mittelschicht, wie sich an den Protesten durch die „Gelbwesten“ in Frankreich zeige. Denn „die, die am meisten haben, sind am besten abgesichert“. Es sei eine Frage des „sich Leistenkönnens“. Viele Menschen könnten eben nicht aufs Land ziehen und Privatschulen bezahlen. Selbst in den Vereinigten Staaten schaffte es Donald Trump mit der Angst vor zu starker Immigration die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen.

Derzeit sei Europa aber auf Immigration angewiesen, da in absehbarer Zeit die „Baby-Boomer“ in den Ruhestand gehen würden, und die demografische Entwicklung hierzulande nicht entsprechend stark sei. „Einwanderung muss immer selektiv sein, denn Immigration kann die Ungleichheit im Aufnahmeland vergrößern.“ Dies sei der Fall, wenn vor allem bildungsferne Schichten kommen würden, welche nur schwer am Arbeitsmarkt integrierbar seien. Dadurch würde die Schere noch mehr aufgehen, urgierte der Historiker. Die Ursprungsländer profitierten hingegen von Emigration, da die Migranten für oft dieselbe Leistung in einem wohlhabenderen Land mehr verdienten und durch Geldtransfers in die Heimat für Wohlstand sorgten.

Neben der starken demografischen Entwicklung und Konflikten in den Ländern des Nahen Ostens und Subsahara-Afrikas, ist es laut Scheidel vor allem das Wissen, wie viel besser es etwa in Europa ist, das Menschen zur Migration bewegt. Hierbei handle es sich um die Wahrnehmung, welche vor allem auf Informationen aus dem Internet basiere, eine Möglichkeit, die es früher einfach nicht gegeben habe.

„Die Ungleichheit ist dem Menschen inhärent“, in Bezug auf Religion, Rasse und Geschlecht nähme sie aber ab, was im ökomischen Bereich nicht der Fall sei, erklärte der Professor. Durch Globalisierung und Deregulierung würde Elitenbildung begünstigt, zudem gebe es seit der Finanzkrise das Gefühl, dass die Gerechtigkeit sinke, was wiederum die Ränder stärken und populistische Parteien begünstigen würde, urgierte Scheidel.




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