Letztes Update am Di, 07.05.2019 08:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Es ist gut, weil es schrecklich ist: „Camp“-Ausstellung in New York



New York (APA) - Das New Yorker Metropolitan Museum of Art auf der schicken Upper East Side von Manhattan, widmet sich mit der Ausstellung „Camp: Notes on Fashion“ der Kunstfertigkeit und Übertreibung in der Mode. „Wir haben uns nie als ‚Camp‘“ gesehen, lächelte der österreichische Museumsdirektor Max Hollein gestern vor versammelter Presse, „aber wir tun es jetzt“. „Vielleicht ist sogar das Met selbst ‚Camp‘.“

„Über Camp zu reden...“, zitierte Hollein die amerikanische Publizistin Susan Sontag in seiner Rede, „...bedeutet, es zu verraten“ - was wiederum bedeutet, dass wir die Dinge, die wir mit einer gewissen ironischen Distanz genießen, abschätzig beurteilen. Hollein betonte, „dass diese Ausstellung zeigen wird, dass die Ästhetik des ‚Camp‘, üppig, verspielt und unverschämt wie sie ist, sowohl die hohe Kunst als auch die Populärkultur maßgeblich beeinflusst hat.“ Die von Andrew Bolton kuratierte Ausstellung werde weiteres mit mehr als 250 Objekten aus dem 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart „das herkömmliche Verständnis von Schönheit und Geschmack herausfordern“, so der Direktor.

Tatsächlich tut sie das mit ihren rosaroten Galeriewänden, ihren Neonlichtern, moderner Kleidung von Designern wie Dior, Versace und Vivienne Westwood, und regenbogenfarbenen Schuhen, die Salvatore Ferragamo 1938 für Judy Garland entworfen hat. Die Federkleider, die sich in der beeindruckenden Modegalerie am Ende der Schau auf einer erhöhten Plattform drehen, werden durch Entenschnabel von Stephen Jones ergänzt.

Susan Sontag habe zu Lebzeiten das Museum oft besucht und sie hat in vielen Dingen „Camp“ gesehen, so Hollein: In Tiffanylampen und in Gemälden von Caravaggio. Sie hat den Satz geprägt: „Es ist gut, weil es schrecklich ist“. Ihr inzwischen ikonischer Essay „Notes on Camp“ (1964), eine 58-Punkte-Abhandlung, die das Konzept salonfähig machte, liefert den Rahmen für die neue Ausstellung, in der untersucht wird, wie die Elemente Ironie, Humor, Parodie, Kunstfertigkeit, Theatralik und Übertreibung in der Mode zum Ausdruck kommen.

Sontag übernimmt in gewisser Weise die Rolle einer Erzählerin innerhalb der Schau, die in zwei Teile gegliedert ist. Im ersten Teil nimmt sie uns mit auf eine Reise, die am Hofe Ludwigs XIV. beginnt, wo Moliere 1671 das Wort „Camp“ erstmals in „Les Fourberies de Scapin“ verwendet - eine Originalkopie des Stücks wird in einer Glasvitrine mit einer winzigen Figur von Scapin gezeigt. In Versailles fand „Camp“ seine ultimative Ausdrucksform in Ludwigs XIV. jüngerem Bruder Philippe, dem Herzog von Orleans. Ein lebensgroßes Porträt von Philippe, von Pierre Mignard, hängt neben dem berühmten Porträt Ludwigs XIV. von Hyacinthe Rigaud.

Die zunächst pinken Ausstellungsräume spielen absichtlich mit Klischees und fühlen sich bewusst klaustrophobisch an, denn „Camp“ war im viktorianischen England Teil einer geheimen Sprache unter Schwulen. Später erscheint - neben einem Gehrock aus Alessandro Micheles Frühjahrskollektion 2017 für Gucci - ein Porträt von Oscar Wilde, der zum Inbegriff des „Camp-Homosexuellen“ wurde.

Während man durch diese Räume spaziert, läuft im Hintergrund „Somewhere over the Rainbow“ von Judy Garland aus dem Musicalfilm „Der Zauberer von Oz“. An einer späteren Stelle, in einem anderen Zimmer, hört man das bekannte Lied wieder, aber diesmal ist es eine Version, die die Schauspielerin kurz vor ihrem Suizid sang. Es fühlt sich ein wenig so an als würde man hier trippen.

Die Schau wurde gestern Abend auf der Met-Gala enthüllt, die zum 21. Mal von Anna Wintour, der Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, geleitet wurde. Die Gala, gesponsert von Gucci und Condé Nast, ist in vielerlei Hinsicht die Apotheose des „Camp“. Lady Gaga hielt Einzug in einem überbordenden, pinken Kleid mit einer acht Meter langen Schleppe. Billy Porter wurde in einem goldenen „Sonnengott“-Ensemble von einer Gruppe von hemdlosen Männern in goldenen Hosen auf einer Sänfte getragen. Dieses Spektakel findet jährlich statt, um Geld für die Modeabteilung des Museums, das Costume Institute, zu sammeln, was notwendig ist, weil es die einzige der kuratorischen Abteilungen ist, die sich selbst finanzieren muss. Mode wird bis heute als Kunstform in Frage gestellt.

Und so ist auch „Camp“ ein kompliziertes Konzept geblieben. Was der eine als „Camp“ bezeichnet, ist für den anderen schlicht Kitsch. Sontag selbst hatte 58 verschiedene Überlegungen, was es bedeuten könnte, und Andrew Bolton, der verantwortliche Kurator, hält alles, von Michelangelo bis Mick Jagger für „Camp“.

Im zweiten Teil der Ausstellung geht es um die Gegenwart und Zukunft des „Camp“ - wieder im Geiste von Sontag. Hier werden die Ideen des Schriftstellers Christopher Isherwood über das „hohe Camp“ (high camp) und das „niedere Camp“ (low camp) vorgestellt, und schließlich geht man in eine quadratische Galerie, in der einige der 58 Punkte von Sontags Aufsatz mit Elementen aus der Sammlung des Museums illustriert werden. Vielleicht hatte Max Hollein ja doch recht mit seiner Theorie, dass das Met, die Hochburg der hohen Kunst, schon immer irgendwie auch „Camp“ war.

(S E R V I C E - „Camp: Notes on Fashion“, vom 9. Mai bis 8. September 2019 im Metropolitan Museum of Art, New York City. http://go.apa.at/vNDAgiyy)




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