Letztes Update am Di, 07.05.2019 10:34

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Dresden feiert „neuen“ Vermeer: Gemälde wird von Übermalung befreit



Dresden (APA) - Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden feiern einen „neuen“ Vermeer: Am Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ wird im Zuge der 2017 begonnenen Restaurierung eine großflächige Übermalung entfernt, bei der mit Sicherheit davon ausgegangen wird, dass diese erst „deutlich nach Vermeers Tod aufgebracht wurde“. Der jetzige Zwischenzustand wird ab 8. Mai in einer Ausstellung präsentiert.

Der Holländer Johannes Vermeer (1632-1675) gilt als einer der bedeutendsten Maler der Kunstgeschichte. Von nur 36 erhaltenen Gemälden ist eines, die „Malkunst“, im Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien. Zwei zählen seit langem zu den Hauptwerken der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: Das 1656 entstandene Bild „Bei der Kupplerin“ wurde bereits 2002-2004 umfassend restauriert, das 1742 in Paris für die Sammlung des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. erworbene Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ (um 1657/59) wurde im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts bereits mehrfach restauriert.

Seit einer 1979 angefertigten Röntgenaufnahme des Bildes weiß die Fachwelt, dass sich an der Rückwand des Zimmers ein „Bild im Bild“ mit einem nackten Cupido befindet, der später übermalt wurde. Bisher ging man davon aus, dass Vermeer das Hintergrund-Bild verwarf und selbst übermalte. Neue Laboruntersuchungen konnten nun jedoch nachweisen, „dass die Übermalung nicht von Vermeers Hand stammt“, wie es in den Unterlagen zur heutigen Pressekonferenz heißt. Man habe sich daher im Zuge der Restaurierung entschieden, die Übermalungsschicht zu entfernen. „Der Entschluss dafür wurde als Team gefasst, aber am Schluss schauen alle den Direktor an“, sagte Stephan Koja im Gespräch mit der APA. Der 56-jährige Wiener Kunsthistoriker und frühere Belvedere-Kurator ist seit 2016 Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und leitet persönlich das heikle Forschungs- und Restaurierungsprojekt.

„Das Ergebnis ist so überzeugend!“, begeistert sich Koja. „Für den Betrachter wird ein deutlich anderes Bild zu sehen sein - nämlich so, wie es Vermeer tatsächlich gemalt hat.“ Das Restaurierungs- und Forschungsprojekt zu Vermeers „Briefleserin“ wird durch eine Förderung der Hata Foundation Amsterdam/Tokyo ermöglicht. Restaurator Christoph Schölzel führt dabei unter dem Mikroskop die Abnahme der Übermalungsschicht mit dem Skalpell durch. „Dadurch kann maximal ein Quadratzentimeter pro Tag freigelegt werden. Aber wir sind dann weltweit das einzige Museum mit einem original im 17. Jahrhundert aufgebrachten Vermeer-Firnis“, erläuterte Koja.

Der „gegenwärtige Zwischenzustand“ des Gemäldes wird nun bis 16. Juni in einer Sonderschau gezeigt. Mit der erstmaligen Ausstellung des kompletten Bildes im wiederhergestellten Originalzustand rechnet Koja im Frühjahr 2021. Dann reiht sich das „Brieflesende Mädchen am offenen Fenster“ wieder in die Sammlung der Gemäldegalerie Alte Meister mit ihren herausragenden Werken ein, zu denen Raffaels „Sixtinische Madonna“, Giorgiones „Schlummernde Venus“, Correggios „Heilige Nacht“ oder die Dresdner Stadtansichten Bellottos zählen.

Der Semper-Bau am Zwinger aus dem 19. Jahrhundert wird seit Herbst 2013 grundlegend instand gesetzt, nachdem er wegen massiver Schäden an Dach und Wänden geschlossen werden musste. Die komplette Wiedereröffnung der Gemäldegalerie Alte Meister ist für Anfang Dezember geplant. Bis dahin sind Ausstellungen sowie Sammlungs-Highlights im bereits sanierten Ostflügel zu sehen.

(S E R V I C E - https://gemaeldegalerie.skd.museum/)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter https://www.skd.museum/besucherservice/presse/ zum Download bereit.)




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