Letztes Update am Di, 07.05.2019 12:28

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zeitgeschichte - Anstalt „Mauer-Öhling“ als Mordschauplatz



Mauer bei Amstetten (APA) - Eine NÖ „Heil- und Pflegeanstalt“ als NS-Mordschauplatz: In den vergangenen vier Jahren hat Zeithistoriker Philipp Mettauer (Institut für jüdische Geschichte Österreichs/St. Pölten) die Geschichte der psychiatrischen Klinik „Mauer-Öhling“ während des Nazi-Regimes aufgearbeitet. Die grauenhaften Resultate werden morgen, Mittwoch (8. Mai), im Rahmen eines Festakts samt Mahnmalenthüllung präsentiert.

„Das Projekt hat im Frühjahr 2015 begonnen. Rund 36.000 Krankenakte aus den Jahren 1902 bis 1977 wurden aus Mauer ins Landesarchiv in St. Pölten gebracht. Zwischen 1938 und 1945 sind durch ‚Mauer-Öhling‘ zwischen 6.000 und 8.000 Patienten ‚gegangen‘. Rund 1.300 kamen gesichert zur Ermordung nach Hartheim in Oberösterreich, weitere rund 300 nach Gugging, wo sie getötet wurden. Noch zwischen November 1944 und April 1945 wurde in Mauer weiter gemordet. Es gab rund 200 Opfer. Dazu gibt es Namenslisten. Der ‚Übersterblichkeit‘ im Vergleich zu der Zeit vor 1938 dürften rund 600 Patienten zum Opfer gefallen sein“, sagte Mettauer am Dienstag gegenüber der APA.

Der Zeithistoriker hat sich auf die Epoche des NS-Regimes in Österreich konzentriert. Die Maschinerie, welcher gewissenlose Ärzte und Pflegepersonal die Patienten auslieferten, umfasste Zwangssterilisationen genauso wie den Abtransport zur geplanten Ermordung im Schloss Hartheim im Rahmen der sogenannten T4-Tötungsaktion. Daneben wurden die psychisch Kranken der Verwahrlosung bis zum Verhungern und dem Tod durch Infektionskrankheiten preisgegeben. „Im August 1941 wurde das T4-Programm eingestellt. Das Morden erfolgte zunehmend ‚dezentral‘ in den einzelnen Anstalten“, erklärte Mettauer.

In „Mauer-Öhling“ stieg die Sterberate bei den aufgenommenen psychisch Kranken von rund fünf Prozent unmittelbar vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich auf etwa 18 Prozent im Jahr 1941 an. „Da gab es auch die ‚E-Kost‘, die ‚Entzugs-Kost‘. Die Patienten nahmen zum Teil durch Nahrungsentzug binnen weniger Monate 20 Kilogramm ab. Sie starben an vermehrten Infektionen, die Lungenentzündung war da ein ‚Klassiker‘. Das lässt sich aus den Krankenakten erkennen“, sagte Mettauer.

Direkte Tötungen durch Ärzte und/oder Pflegepersonal erfolgten beispielsweise durch Barbiturat- oder Luminal-Überdosierungen. „Patienten wurden aber auch erschlagen. Es gab Fälle, in denen Menschen wochenlang in Zwangsjacken in Gitterbetten gefesselt waren. Das sind Parallelen zu der psychiatrischen Klinik in Hall in Tirol in der NS-Zeit“, berichtete der Zeithistoriker. Die „Übersterblichkeit“ führte schließlich auch in „Mauer-Öhling“ zur Notwendigkeit, den Anstaltsfriedhof mit Massengräbern zu erweitern. Anders als in Hall steht in „Mauer-Öhling“ eine Untersuchung der sterblichen Überreste samt Identifizierungsversuchen via Forensik noch aus. 1948 startete in Wien übrigens ein Prozess gegen zwei leitende Ärzte der Klinik - Direktor Michael Scharpf und Josef Utz, letzterer ein Psychiater - und sieben Angehörige des Pflegepersonals. Scharpf starb vor Prozessende. Utz ließ sich über ein Kollegengutachten für prozessunfähig erklären und zunächst in die Wiener „Baumgartner Höhe“ einliefern. Er starb in Freiheit im Jahr 1950.

In den vergangenen zwei Jahren haben rund 60 Schüler der Fachschule Amstetten ein Projekt mit Interviews von Zeitzeugen und Angehörigen-Nachkommen der Opfer von „Mauer-Öhling“ durchgeführt. In vielen Familien der Umgebung schlummerte die düstere Erinnerung an die Ereignisse in der psychiatrischen Klinik bisher als Tabuthema. Erst eine Enkel-Generation brachte sie im Rahmen des Projektes wieder ans Tageslicht. Im Rahmen der Präsentation morgen, Mittwoch, wird auch ein Mahnmal für die Opfer der NS-Euthanasie von „Mauer-Öhling“ enthüllt. („Geschlossene“ Anstalt? Die „Heil- und Pflegeanstalt“ Mauer-Öhling in der NS-Zeit und im kollektiven Gedächtnis - Mittwoch, 8. Mai, 10.00 bis 12.30 Uhr, Landesklinikum Mauer, Festsaal).




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