Letztes Update am Di, 07.05.2019 13:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lopatka-Prozess 2 - Psychiaterin: „Quälen war nicht vordergründig“



Graz (APA) - Die psychiatrische Sachverständige Adelheid Kastner stufte Eduard Lopatka als zurechnungsfähig ein, weiters liegt laut ihrem Gutachten bei ihm weder eine Geisteskrankheit noch eine durchgehende Persönlichkeitsstörung vor. Das Quälen sei nicht vordergründig gewesen: „Die Intention war es, beachtet zu werden“, betonte die Sachverständige.

Das familiäre System, in dem der Beschuldigte aufgewachsen ist, „war nicht ganz unauffällig“, meinte Kastner. Geprägt von „Duldsamkeit, Leistungsbereitschaft, und dem Gefühl, alles ertragen zu müssen“ habe er nie gelernt „sich konstruktiv mit anderen auseinanderzusetzen. Daraus entwickelte sich eine „Scheinbedürfnislosigkeit“, die zu anderen Strategien führte, um Mitleid und schlechtes Gewissen bei seinen Mitmenschen zu erregen.

Das selbstverletzende Verhalten des Angeklagten lasse sich ebenfalls von der Erziehung ableiten. Dazu kam der Druck, den er sich selbst auferlegte, die umsatzstärkste Praxis der Steiermark betreiben zu wollen, was eine Art „moralischer Masochismus“ sei, erklärte die Gutachterin. „Der moralische Masochismus kann zu realem führen. Das ist dann die einzige Quelle, wo er für sich Befriedigung gefunden hat“, gab Kastner an.

Lopatka leide nicht unter einer durchgehenden Persönlichkeitsstörung, allerdings weise er „Persönlichkeitsakzentuierungen“ auf. Problematische Interaktionsmuster würden sich nicht in verschiedenen Bereichen seines Lebens zeigen. So habe er sich offenbar in der Ordination und den Patienten gegenüber anders gegeben als zuhause, wo er laut Anklage jahrelang die Kinder gequält haben soll. „Das Quälen war nicht das Ziel, wurde aber in Kauf genommen, getrieben vom Wunsch nach Beachtung und Wichtigkeit“, erläuterte Kastner.

Eine Szene aus dem Tagebuch der Tochter, wo diese über ein langes Gespräch mit der Mutter bezüglich Trennung der Eltern schreibt, kommentierte die Psychiaterin mit den Worten. „Scheidungsszenario von zwei Menschen, die sich selbst in den Vordergrund stellen.“ An der häuslichen Situation sei auch die Mutter nicht unschuldig gewesen, es handle sich um ein „Interaktionsmuster, das nicht nur von einem ausgeht“, betonte Kastner und ergänzte: „Solche Muster werden verstärkt, wenn sie von anderen bedient werden“. Sie bezog sich damit auch auf die Selbstmorddrohungen des Arztes, die immer zu verstärkter Aufmerksamkeit der Familie geführt hatten.

Der Prozess wurde auf 16. Mai vertagt. Sollten keine weiteren Anträge kommen, dürfte es da ein Urteil geben.




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