Letztes Update am Mi, 08.05.2019 05:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wahlkampf der Nostalgiker: Italiener streiten über Faschismus



Rom (APA) - 74 Jahre sind vergangen, seitdem die Leiche Benito Mussolinis 1945 kopfüber auf dem Mailänder Piazzale Loreto aufgehängt wurde, doch der Faschismus ist in Italien längst nicht nur Diskussionsstoff für Historiker. Das Thema prägt zutiefst den Wahlkampf für die EU-Wahlen - unter anderem, weil gleich zwei Mitglieder der Familie Mussolini den Sprung ins EU-Parlament schaffen wollen.

Nicht nur Vertreter der postfaschistischen Partei „Fratelli d‘Italia“ oder rechtsextremer Gruppen, sondern auch Politiker aus gemäßigteren Rechtsparteien verharmlosen den Faschismus in Italien, um die Wählerstimmen vieler Nostalgiker zu gewinnen. Denn zahlreiche Italiener sind fest davon überzeugt, dass Mussolini während seines 20-jährigen Regimes auch viel Positives bewirkt habe.

Um „Nonno Benito“ trauert die 42-jährige Giorgia Meloni, feurige Chefin der postfaschistischen Gruppierung „Fratelli d‘Italia“ („Brüder Italiens“). Die blonde Parteivorsitzende, die für ihre kräftige römische Dialektfärbung und ihre deftigen Sprüche in Rechtskreisen gut ankommt, hat einen Urenkel Mussolinis auf ihre Wahllisten gesetzt. Sie heuerte den 50-jährigen Caio Giulio Cesare Mussolini an, Enkel von Vittorio Mussolini, dem viertgeborenen Kind des Faschistenführers. Der Urenkel des „Duce“ mit dem geschichtsträchtigen Namen diente 15 Jahre als Offizier bei der italienischen Marine und war zuletzt in der Rüstungsbranche für den italienischen Großkonzern Leonardo tätig.

Als „Profi, Soldaten und Patrioten“ lobte Meloni ihren Kandidaten, der sich im Rennen um einen Sitz im EU-Parlament mit Konkurrenz aus der eigenen Familie auseinandersetzen muss. So zieht auch seine Tante Alessandra Mussolini, Tochter von Romano Mussolini, dem zweitgeboren Sohn des Duce, in den Reihen von Berlusconis Forza Italia ins Rennen und hofft auf ein zweites Mandat als EU-Parlamentarierin. Politik liegt der jüngeren Mussolini-Generation im Blut. Die 55-jährige Alessandra Mussolini schaffte es fünfmal ins italienische Parlament. Ihre 44-jährige Halbschwester Rachele sitzt seit 2016 im römischen Gemeinderat.

Politischen Beobachtern zufolge begünstigt das von der rechten Lega geprägte politische Klima ein Wiederaufflammen des Neofaschismus in Italien. Lega-Chef Matteo Salvini bestreitet dies und behauptet, Faschismus und Kommunismus würden der Vergangenheit angehören. Das ewige „Derby zwischen Kommunisten und Faschisten“ sei inzwischen langweilig. Statt den Tag der Befreiung vom Faschismus und Nationalsozialismus am 25. April zu begehen, weihte der Innenminister eine Polizeistation in der einstigen Mafia-Hochburg Corleone ein und meinte, er wolle lieber die Befreiung Italiens von der Mafia fördern, als Zeit mit historischen Diskussionen zu vergeuden.

Auf Twitter schrieb Salvini über seine Kritiker: „Tanti nemici, tanto onore“, was so viel heißt wie „Viel Feind, viel Ehr“. Oppositionspolitiker reagierten empört und erinnerten daran, dass der Lega-Chef sich damit der Mussolini-Propaganda bedient habe, denn der Spruch zählte zu den Lieblingsslogans des „Duce“.

Für Eklat sorgte dieser Tage, dass Salvini seine Biografie in Form eines Interviews von dem römischen Verlag Altaforte, mit engen Verbindungen zur neofaschistischen Gruppierung CasaPound ,veröffentlichte. Das Museum des ehemaligen Konzentrationslagers in Auschwitz drohte mit der Absage seiner Teilnahme an der Buchmesse in Turin, sollte der Verlag Altaforte dabei sein. Mehrere Intellektuelle und Autoren haben bereits zum Boykott der Messe aufgerufen, bei der der Verleger von Altaforte, Francesco Polacchi, die Salvini-Biografie vorstellen will.

Der Römer Polacchi bekennt sich zu CasaPound. „Ich bin Faschist. Der Antifaschismus ist das wahre Übel dieses Landes“, sagte er. Salvini erklärte, er habe den Verlag für die Erscheinung seiner Biografie nicht selbst ausgesucht. Den Beschluss , den Verlag Altaforte zu wählen, habe allein die Autorin des Buchs, die Journalistin Chiara Giannini, gefasst, versicherte der Lega-Chef. CasaPound („Haus Pound“) nennt sich nach dem US-Dichter Ezra Pound (1885-1972), einem Bewunderer des italienischen Faschismus.




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