Letztes Update am Mi, 08.05.2019 09:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neue Hauptstadt Palangkaraya? Indonesien will Regierungssitz verlegen



Jakarta (APA/dpa) - Noch geht das Leben in Palangkaraya seinen Gang. 258.000 Menschen sind in der indonesischen Provinzstadt auf der Insel Borneo (Kalimantan) zuhause. Sie haben den Ruf, die Dinge eher geruhsam angehen zu lassen. Es gibt in Palangkaraya die üblichen Behörden, eine renommierte staatliche Universität, die Universitas Palangka Raya (UPR), und einige größere Unternehmen.

Staus und Hektik sind selten hier. Nur: Wie lange noch?

Indonesien - viertgrößtes Land der Welt, 250 Millionen Einwohner, mehr als 17.000 Inseln - plant gerade, seine Hauptstadt zu verlagern. Präsident Joko Widodo will mit seiner Regierung dringend weg aus Jakarta. Nicht nur, dass die Mega-City auf der Insel Java mit ihren (inklusive Umland) etwa 30 Millionen Bewohnern die wahrscheinlich größten Verkehrsproblemen ganz Asiens hat. Zudem droht sie zu versinken: 40 Prozent befinden sich inzwischen unter Meeresspiegel.

Entschieden ist noch nichts. Aber Palangkayara gilt als wahrscheinlichste Alternative. Auf der Dschungelinsel, im Landesinneren, wäre man nicht nur vor Staus und Überschwemmungen besser geschützt, sondern auch vor Erdbeben und Vulkanen. Der Präsident verkündete dieser Tage: „Wir müssen über die großen Interessen der Nation sprechen - auch, wie sich ein so großes Land dem globalen Wettbewerb stellt.“ Indonesien brauche eine „smarte, grüne und schöne Stadt“.

Eine Machbarkeitsstudie gibt es bereits. Zehn Jahre würde ein Umzug wohl dauern. Für Jakarta („Großer Sieg“), gegründet 1527, ginge damit ein halbes Jahrtausend Hauptstadtgeschichte zu Ende. Zwischenzeitlich nannten die niederländischen Kolonialherrn sie in Batavia um. Seit 1942 hat sie wieder den alten Namen. Und jetzt Palangkaraya? Die Verlegung wäre für Indonesien ein Riesenakt. Aber es gibt Vorbilder.

Im 20. Jahrhundert haben zum Beispiel Brasilien (Rio/Brasilia), Pakistan (Karachi/Islamabad), Tansania (Daressalam/Dodoma), Myanmar (Rangun/Naypyidaw) und die Bundesrepublik Deutschland (Bonn/Berlin) ihre Hauptstädte verlagert. Meist geschah dies weg von der Küste, wo sich die Kolonialherrn angesiedelt hatten, hinein ins Landesinnere. Oft geschah das, weil Staaten einen Neustart wollten.

Aktuell gibt es neben Indonesien auch anderswo Planungen. In Ägypten ist man sogar schon weiter. Die Regierung will weg aus Kairo, 50 Kilometer weiter nach Osten. Geschätzte Kosten: mehr als 40 Milliarden Euro. Einen Namen für „Neu-Kairo“ gibt es noch nicht. Der „Economist“ nennt das Ganze einen „Elefanten in der Wüste“. Für Präsident Abdel Fattah al-Sisi, der das Land seit 2014 mit eiserner Hand regiert, ist das neue Verwaltungszentrum das größte in einer ganzen Reihe von Mega-Projekten. Das Parlament soll schon diesen Sommer umziehen.

Und wenn schon nicht die gesamte Regierung verlegt wird, dann zumindest ein Teil. Rund um die Welt müssen derzeit Tausende Beamte Kisten packen, weil ihre Staaten regionale Ungleichgewichte beseitigen wollen: in Dänemark, in Norwegen, in Mexiko, in Südkorea, in Malaysia. Überall geht es in kleinere Städte. Erleichtert wird dies dadurch, dass sich die Kommunikation geändert hat. Man muss sich auch in der Regierungsbürokratie nicht mehr sehen. Mails und Videokonferenzen tun es in vielen Fällen auch. Zudem ist das Provinzleben oft billiger.

Es gibt aber auch Nachteile. Dazu gehört der Verlust von guten Leuten: Beamte ziehen nicht immer mit. Als zum Beispiel Norwegen seine Flugaufsicht hoch in den Norden verlegte, blieben fast alle Lotsen in Oslo. Eine amerikanische Studie ergab, dass in kleineren Städten Korruption größer ist - auch weil viele Journalisten, die aufpassen, lieber Hauptstädter sind. Möglicherweise fühlen sich autoritäre Regierungen wie die in Ägypten in der Provinz auch besser vor dem Volkszorn geschützt.

In Palangkaraya, Indonesiens möglicher neuer Kapitale, sind die Meinungen geteilt. Die Verwaltung begrüßte die Pläne bereits als „richtige Wahl“. Die Bankangestellte Lali Rahma findet: „Ich freue mich, bin aber auch ein bisschen beunruhigt. Ich will keine Staus wie in großen Städten.“ Der Student Imran Ramadan (21) hingegen meint: „Bitte nicht. Bitte macht unsere Umwelt nicht kaputt. Wir sind hier auf Borneo die grüne Lunge der Welt. Wenn die zerstört wird, ist das nicht nur schlecht für Indonesien, sondern für die ganze Welt.“




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