Letztes Update am Mi, 08.05.2019 11:23

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Primäre Immunschwächen: 90 Prozent Dunkelziffer



Wien (APA) - Ein Prozent der Menschen leiden an angeborenen Immunschwächen. Das bedeutet oft jahrzehntelang wiederkehrende schwere Infektionen bis hin zu Autoimmunerkrankungen. Die seltenen Erkrankungen werden aber noch viel seltener diagnostiziert und noch einmal seltener zielgerichtet behandelt, erklärten am Dienstagabend Experten der Immunologischen Tagesklinik in Wien bei einem Hintergrundgespräch.

„Es gibt mehr als 350 verschiedene genetisch bedingte ‚Erkrankungen des Immunsystems. Die Zeichen dafür sind oft chronische, wiederkehrende, schwere und lebensgefährliche Infektionen, lebensbedrohliche Autoimmunerkrankungen oder entzündliche Erkrankungen. Die meisten Betroffenen zeigen erst als Erwachsene Symptome. Die Dunkelziffer ist hoch. Sie liegt bei 90 Prozent“, sagte der Ärztliche Leiter der seit 1991 in Wien bestehenden Immunologischen Tagesklinik, Hermann Wolf.

Das Problem liegt darin, dass angeborene Immunschwächen, bei denen es zu zwei Drittel zu einem Mangel an Antikörpern bzw. zur Bildung nicht effektiver Antikörper kommt, die unterschiedlichsten Folgeerscheinungen zeigen. Oberer Atemtrakt (HNO), unterer Atemtrakt (Bronchien, Lunge) - faktisch jedes Organsystem kann als Konsequenz von Infektionen bis hin zur Blutvergiftung (Sepsis) und/oder Autoimmunerkrankungen betroffen sein. Das führt dazu, dass die meisten Patienten von medizinischer Fachdisziplin zu medizinischer Fachdisziplin - auch von Spitalsabteilung zu Spitalsabteilung mit den Ambulanzen - „weitergereicht“ werden, ohne dass die zentrale Ursache erkannt wird.

Wolf präsentierte dazu das Beispiel eines Patienten: 2009, 2012 und 2013 hatte er schwere Lungenentzündungen gehabt. Eitriger Schnupfen mit Nebenhöhlenentzündungen, eitrige Bronchitis und Antibiotikagebrauch alle drei Monate sowie sogar ein chirurgischer HNO-Eingriff ohne Erfolg waren die Vorgeschichte. Erst im Oktober 2013 kam er nach vielen, vielen Ärzt- und Facharztkonsultationen sowie Spitalsaufenthalten an die Tagesklinik, wo die Immunschwäche diagnostiziert wurde.

Jetzt erhält der Patient alle drei Wochen ein Immunglobulin-Präparat (intravenöse Immunglobuline - IVIG), das die fehlenden Antikörper ersetzt. „Seit Beginn der IVIG-Behandlung hatte er innerhalb von sechs Jahren nur noch eine statt vorher jährlich vier bis sechs schwere Infektionen. Das ist eine Reduktion der Infektanfälligkeit um 97 Prozent“, sagte der Experte. An die Tagesklinik kommen pro Jahr mehr als 2.000 Patienten mit Verdacht auf eine immunologische Erkrankung. Etwa ein Viertel waren Kinder. Bei fünf Prozent ergab sich die Notwendigkeit der Einleitung einer lebenslangen Immunglobulin-Ersatztherapie.

„Die Problemlagen bei seltenen Immundefekten sind späte Diagnosen und noch schlimmer Falschdiagnosen, falsche und veraltete Therapien und fehlende Verlaufskontrollen, späte Vorsorgeuntersuchungen und Diagnose von Folgeerkrankungen, mangelnder Impfschutz, persönliches Leid und schließlich die Kosten für das Gesundheitssystem“, sage die Gründerin der Tagesklinik und österreichische Immunologie-Doyenne Martha Eibl. Fachliche Expertise und sowie das Vorhandensein aller notwendigen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten seien an der Einrichtung in Wien konzentriert vorhanden.

Ziemlich unverständlich erscheint, dass die Wiener Gebietskrankenkasse mit April 2016 den Kassenvertrag mit der Tagesklinik kündigte. Die niederösterreichische und die burgenländische Gebietskrankenkasse sowie die SVA zogen nach. Als Einrichtung der Wahlarztmedizin müssen die Patienten jetzt die Kosten vorstrecken und erhalten nur einen Teil zurück.

„Das hat zu einer Zwei-Klassen-Medizin geführt. Die durchschnittliche Dauer bis zu einer Diagnose hat sich von 1,5 Jahren auf bis zu sechs Jahre erhöht“, sagte Martha Eibl. Christoph Buchta vom Referat für seltene Erkrankungen der Wiener Ärztekammer bezeichnete die Situation mit einem Wort: „furchtbar“. Wie die Experten erklärten, würden die Verhinderung von Spitalsaufenthalten, durch effektive Behandlung einer angeborenen Immunschwäche wegfallende Arztkonsultationen und nicht mehr notwendige Therapien den Aufwand für eine zielgerichtete Diagnose und Therapie angeborener Immundefekte auch volkswirtschaftlich positiv zu Buche schlagen.




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