Letztes Update am Do, 09.05.2019 11:31

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Behind Closed Doors“: Brexit-Doku blickt in die EU-Hinterzimmer



London/Brüssel (APA) - Seit dem „No“ der Briten zum Verbleib in der Europäischen Union am 23. Juni 2016 beschäftigt der - immer noch ausstehende - „Brexit“ EU und Medien gleichermaßen. Die BBC-Dokumentation „Behind Closed Doors“ hat den darauffolgenden Verhandlungsmarathon begleitet und gewährt Einblicke in die Büros und Hinterzimmer des EU-Teams - und dessen zunehmend von Frustration getragene Gefühlslage.

Für seinen zweistündigen Streifen, der am Mittwochabend im „Cinema Palace“ in Brüssel seine Premiere feierte, hat sich der belgische Filmemacher Lode Desmet zwei Jahre lang an die Fersen von Guy Verhofstadt geheftet. Der frühere Premier Belgiens und nunmehrige EU-Abgeordnete wurde vom Europaparlament nach dem Negativ-Votum der Briten zum Brexit-Beauftragten auserkoren. Dem Regisseur gewährte er Zutritt zu seinem engsten Mitstreiterteam, seinen Büroräumlichkeiten, zu Besprechungsrunden mit Michel Barnier, dem von der Kommission nominierten Chefverhandler, und zu seinem Weingut im italienischen Umbrien.

„Behind Closed Doors“ mag Aufdeckertum suggerieren. Wer das erwartet, wird wohl enttäuscht. Denn inhaltlich bietet die Doku wenig, was nicht schon allseits bekannt ist. Chronologisch und in Countdown-Manier erzählt der Film vom Tag an, als die britische Premierministerin Theresa May den Austrittsprozess in die Wege leitete, bis zum Ablauf der zweijährigen Frist am 29. März dieses Jahres die Fortschritte und vor allem zunehmenden Rückschläge der Verhandlungen.

Haben die 120 Minuten trotzdem Mehrwert? Durchaus, denn Desmet macht die emotionale Komponente der immer offensichtlicher zum Scheitern verurteilten Scheidungsgespräche deutlich. Man sieht viele müde Gesichter, Power-Nappings und Rotweingläser.

Ratlosigkeit und Frustration machen sich breit angesichts der Sprunghaftigkeit und Zerstrittenheit des britischen Kabinetts. „Oh, f* off“, ätzt Verhofstadts Mitstreiter Guillaume McLaughlin in Richtung Fernsehbildschirm, auf dem gerade Mays Ansage beim Tory-Parteitag zu sehen war, das Vereinigte Königreich fürchte keinen „No Deal“.

Zwischendurch macht sich Galgenhumor breit. Auf Mays „Dancing Queen“-Einlage schlägt jemand aus Verhofstadts Team vor, beim nächsten Auftritt Barniers solle man „The Winner Takes It All“ spielen.

Desmet gelingt es auch, (unfreiwillig) komische Momente einzufangen - etwa wenn sich Barnier und Verhofstadt, beide nicht mehr die Jüngsten, am Besprechungstisch über ihr Tablettenpensum austauschen, Verhofstadts geliebter alter Aston Martin just im Beisein des damaligen Brexit-Ministers David Davies den Geist aufgibt oder man sich bei einem Lokalaugenschein auf der Insel anhand gelber Fahrbahnmarkierungen sicher wähnt, nun die Grenze zwischen Irland und Nordirland passiert zu haben, sich aber herausstellt, dass die gelbe Bepinselung nur ein Parkverbot-Hinweis ist.

Am Ende der 120 Minuten steht Resignation. Am eigentlich vorgesehenen Austrittsdatum, dem 29. März, lässt May zum dritten Mal ihren mit der EU ausverhandelten Brexit-Deal abstimmen. Verhofstadt selbst verfolgt das Votum gar nicht mehr. Er werde ohnehin davon erfahren, sagt er schulterzuckend - im Wissen, dass die Briten sowieso längst Aufschub von der EU bekommen haben.




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