Letztes Update am Fr, 10.05.2019 11:21

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Doyen der österreichischen Geschichtsforschung Gerald Stourzh wird 90



Wien (APA) - Seit mehr als 65 Jahren beschäftigt sich Gerald Stourzh mit den Themen Verfassung, Demokratie, Diktatur, Menschen- und Bürgerrechte, Völkerrecht und internationale Beziehungen. Seine Werke über den Staatsvertrag, die Neutralität, Verfassungsgerichtsbarkeit und über den Menschenrechtsschutz wurden zu Klassikern. Am 15. Mai feiert der Doyen der österreichischen Zeitgeschichte 90. Geburtstag.

„In seinem öffentlichen Wirken und seinem Einsatz für die Erforschung der historischen Grundlagen der Demokratie und des Minderheitenschutzes, der Geschichte der Juden in Österreich und für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus hat der Homo politicus Gerald Stourzh den Ruf eines unbestechlichen, unparteiischen, über alle Disziplin- und Parteigrenzen hinweg anerkannten, differenziert abwägenden und ausschließlich der Wahrheit verpflichteten Doyens der österreichischen Geschichtsforschung erworben“, erklärte der Historiker Wolfgang Mueller von der Uni Wien gegenüber der APA. Er wird bei einem Festakt der Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am 28. Mai in Wien die Laudatio auf Stourzh halten.

Sein Leben begriff Stourzh immer als „intellektuelle Reise“, die trotz seines hohen Alters noch nicht zu Ende ist, denn die „Leidenschaft für das Öffentliche“ des Historikers ist weiter ungebrochen. So veröffentlichte er 2015 ein Essay zum Thema „Die moderne Isonomie. Menschenrechtsschutz und demokratische Teilhabe als Gleichberechtigungsordnung“. Die Isonomie gilt als Grundlage der Demokratie und die Geschichte der modernen Demokratie beschäftigt Stourzh schon seit Beginn seiner Karriere - bekannt ist heute vor allem seine Forschung zum österreichischen Staatsvertrag, zu dem er ein 800 Seiten dickes und mehrfach neu aufgelegtes Standardwerk verfasst hat.

Rechtzeitig zu seinem 90. Geburtstag sind nun eine französische Übersetzung seines Isonomie-Essays und eine überarbeitete Neuauflage der „Geschichte des österreichischen Staatsvertrags“ in englischer Sprache erschienen. Und Stourzh arbeitet derzeit an einer deutschsprachigen Neuauflage dieses Buchs, die 2020 erscheinen soll - die siebente Ausgabe dieses Klassikers.

Stourzh beschäftigte sich auch intensiv mit der Geschichte des politischen Denkens, der Verfassungsgeschichte, der Österreichischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und - bedingt durch seine längeren Forschungsaufenthalte im Ausland - der westeuropäischen und amerikanischen Geschichte und der Entwicklung der internationalen Beziehungen. Internationale Beachtung fand er auch mit seinen Forschungen zum Thema Menschenrechte.

Gebildet und geprägt durch das humanistische Wiener Bildungsbürgertum publiziert der Historiker auf Deutsch und Englisch, teilweise auch auf Französisch. Stourzh, der sich stets auch mit Politikwissenschaften und Recht befasst hat, beschreibt sich selbst als „selbstbewussten Staatsbürger“, als Citoyen und konsequenten Verfechter der Grundrechtsdemokratie und begründet das auch mit seiner eigenen Biografie.

Gerald Stourzh wurde am 15. Mai 1929 in Wien geboren. Beide Eltern waren Akademiker, der Vater im Brotberuf Beamter. Doch „seine Berufung war die eines philosophischen Schriftstellers“, eine Arbeit, der mit der Machtübernahme der Nazis jedoch ein jähes Ende bereitet wurde. „So wuchs ich voller Respekt für geistige Leistung auf“, schreibt Stourzh in einem seiner Essays. Durch seine Eltern sei er mit einer „starken antinationalistischen Überzeugung“ geprägt worden, die politische Situation während seiner Jugend habe ihn zu einem „bewussten Österreicher“ gemacht und sein „tief gehendes Interesse“ für politische Vorgänge, Geschichte und Verfassung geweckt.

Für damals ungewöhnlich früh, mit lediglich 21 Jahren, ging Stourzh für seine Studien der Geschichte ins Ausland: zunächst nach Clermont-Ferrand, dann nach Birmingham. 1951 bis 1958 verbrachte er an der Universität Chicago sowie an der American Foundation for Political Education in der Stadt. Gleichzeitig absolvierte er ein postgraduales Studium der Geschichte sowie Politik- und Sozialwissenschaften. 1958 kehrte er nach Wien zurück, wo er die Österreichische Gesellschaft für Außenpolitik aufbaute, bis 1962 stand er ihr als Generalsekretär vor. 1964 bis 1969 lehrte er an der Freien Universität Berlin, 1967/68 in Princeton und von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1997 an der Universität Wien.

Als Universitätslehrer sei es Stourzh gelungen, nicht nur mehreren Generationen von Historikern, Journalisten, Lehrern sowie politisch Tätigen die Bedeutung unvoreingenommener, kritischer und präziser Geschichtsforschung für die demokratische Kultur eines Landes zu vermitteln, betonte Mueller. Er habe auch „Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschen-, Bürger- und Minderheitenrechte als historische Errungenschaften begreiflich machen können, die einer festen Verankerung im Staat wie in der Bevölkerung und steter Wachsamkeit bedürfen“.

Stourzh erhielt Ehrendoktorate der Universität Graz und der University of Chicago und wurde zum Chevalier de l‘ordre Arts et Lettres (1997) ernannt. Er ist Träger des Großen Silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich und des Großen Goldenen Ehrenzeichens des Landes Wien. 2009 wurde er für sein Lebenswerk sowohl mit dem großen Kardinal-Innitzer-Preis als auch dem Wissenschaftspreis der Margaretha Lupac-Stiftung ausgezeichnet. Zu Ehren seines 80. Geburtstags rief die Uni Wien die jährlichen „Gerald Stourzh-Vorlesungen für Geschichte der Menschenrechte und Demokratie“ ins Leben.

(AVSIO: Bilder von Gerald Stourzh sind im AOM abrufbar)




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