Letztes Update am Fr, 10.05.2019 13:46

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kunstbiennale Venedig - Viel Modernismus in den Länderpavillons



Venedig (APA) - Die Biennale von Venedig ist und bleibt einer der zentralen Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst: Gerade die Länderpavillons erlauben einen einzigartigen Einblick in künstlerische Tendenzen in den 2019 teilnehmenden 90 Staaten. Der Gesamteindruck: Modernistisches wird wichtiger, Tanzen ist angesagt, und tagesaktuelle Politik spielt für den Kunstbetrieb derzeit eine marginale Rolle.

Auch 2019 zeichnen sich die Ausstellungen in den Länderpavillons, die formal von den jeweiligen Regierungen verantwortet werden, zwangsläufig durch eine größere Vielfalt als die programmatische Hauptausstellung der Biennale aus. Aber dem Kurator der diesjährigen Schau „May You Live in Interesting Times“, Ralph Rugoff, muss Respekt gezollt werden: Ein Rundgang durch die Länderpavillons legt nahe, dass er die globale Stimmungslage der zeitgenössischen Kunst vergleichsweise gut eingefangen hat.

Zahlreiche Pavillons, insbesondere von Staaten Zentral- und Südosteuropas, setzen heuer - wie auch Rugoff - auf Modernismus. Kuratiert vom österreichischen Kunsthistoriker und Museumsplaner Dieter Bogner zeigt der tschechoslowakische Pavillon in den Giardini eine Retrospektive des 1925 geborenen Tschechen Stanislav Kolibal, einer lebenden Legende der geometrischen abstrakten Kunst. Der ungarische Pavillon stellt indes computergenerierte Bilder „imaginärer Kameras“ aus, die in einer Ästhetik der Schwarz-Weiß-Fotografie der 1920er-Jahre gestaltet wurden. Ebenso schick modernistisch ist die Präsentation einer avantgardistischen Sitzgelegenheit, mit der Marko Peljhan Slowenien im Arsenal vertritt.

Modernistisch orientierte Arbeiten liefern in den Giardini aber auch Länderpavillons in der unmittelbaren Nachbarschaft des österreichischen Pavillons. Djordje Ozbolt beschäftigt sich mit seinen klobigen Skulpturen und Gemälde im serbischen Pavillon mit Fragen des Gedächtnisverlustes, der Bildhauer Roman Stanczak hat ein um seine Flügel gestutztes Flugzeug in den polnischen Pavillon gepackt und dabei das technische Innenleben auf seine Oberfläche transferiert. Rumänien präsentiert drei künstlerische Positionen: Unter anderem hat Dan Mihaltianu hier etwa einen kleinen Teich installiert, in dem Münzen für wichtige kulturelle oder soziale Projekte gesammelt werden könnten.

Mit Großteils abstrakten Skulpturen, die er als Ausdruck von Freiheit interpretiert, versucht auch Martin Puryear im US-amerikanischen Pavillon zu punkten. Ein großer Holzvorbau mit einer Spirale, die der Künstler vor dem neoklassizistischen Gebäude installierte, avancierte in den letzten Tagen zu einem der Blickfänge dieser Biennale.

Völlig anders gelagert sind indes Länderpavillons, in denen Tanzen jeweils eine wichtige Rolle spielt. Sowohl der Schweizer als auch der brasilianische Pavillon beschäftigen sich mit dem gesellschaftspolitischen Potenzial von Körperbewegungen. Während Pauline Boudry und Renate Lorenz im Schweizer Beitrag ihre Protagonisten in einem etwa 20-minütigen Film auf einer Bühne professionell rückwärtstanzen lassen, dokumentiert das Künstlerduo Barbara Wagner und Benjamin de Burca in unterhaltsamer Weise die auch gesellschaftspolitisch relevante Volkstanzbewegung Swinguerra aus dem Nordosten Brasiliens. Im weitesten Sinne um Tänze geht es aber auch im außerhalb des Biennale-Ausstellungsgeländes befindlichen Pavillon des Karibikstaates Antigua und Barbuda, der das politische Potenzial von Karneval thematisiert.

Abgesehen vom verschlossenen Pavillon von Venezuela, der wahrscheinlich aufgrund der politischen Umstände im Land zumindest an den Previewtagen nicht in Betrieb war, fehlen tagesaktuelle Verweise in den allermeisten Pavillons. Geschichte und Vergangenheitsbewältigung spielen jedoch wiederholt eine vorrangige Rolle: Alban Muja zeigt im kosovarischen Pavillon im Arsenal Interviews mit jungen Erwachsenen, die vor zwanzig Jahren als Kleinkinder in dramatischen Schlüsselbildern des Kosovokrieges vorkamen. Muja hat sie gesucht und lässt sie ihre damaligen Erlebnisse Revue passieren. Griechenland erinnert in seinem Beitrag an das Jahr 1948: Während im Länderpavillon Peggy Guggenheim die Avantgarde ausstellte, ließ das damalige griechische Regime, so erzählt die Arbeit von Zafos Xagoraris, politische Gefangene zu Umerziehungszwecken Modelle antiker Bauten basteln.

Aktuell, so illustrieren gleich einige Pavillons, bleiben in der internationalen Kunstszene aber auch Arbeiten, die sich mit kolonialen Vergangenheiten und ihrer Überwindung beschäftigt. Kanada erinnert in einer Videodokumentation an die Inuit, ein Volk, das in den 1950er-Jahren teils zwangsumgesiedelt wurde. Während sich die Malerin Voluspa Jarpa im chilenische Pavillon mit der kolonialisierenden Rolle des Museums befasst, thematisiert etwa ihr peruanischer Kollege Christian Bendayan in Gemälden und Installationen die Emanzipation einer indigen kodierten Amazonas-Kunst.

(S E R V I C E - www.labiennale.org)




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