Letztes Update am Fr, 10.05.2019 14:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Werke von Hermynia Zur Mühlen: Wiederentdeckung einer Widerspenstigen



Wien (APA) - Im kleinen britischen Städtchen Radlett ruht, ohne Grabstein, eine Frau Hermynia Kleinova. Nichts weist darauf hin, dass es sich dabei um eine österreichische Schriftstellerin mit aberwitziger Biografie handelt: Geboren als Gräfin Folliot de Crenneville in Wien, gestorben als verarmte Kommunistin im Exil, wurde Hermynia zur Mühlen nun mit ihrem neu aufgelegten Gesamtwerk dem Vergessen entrissen.

Die am Montag erscheinende vierbändige Kollektion im Zsolnay Verlag, herausgegeben von Ulrich Weinzierl, enthält einen Prosa-Kosmos, so vielgesichtig, widerspenstig und von Widersprüchen gezeichnet, wie es „Genossin Gräfin“ selbst war. Eine Aristokratin, die das Genre des proletarischen Märchens erfand, eine Barons-Gattin und Gutsherrin, die von einem „kooperativ betriebenen Landgut“ träumte. Eine Vielarbeiterin, die selbst in erzwungener Bescheidenheit nicht die Aura der Salondame verlor, so dass selbst den um sie und ihren zweiten Mann Stefan Klein gescharten Anarchisten „nichts übrig blieb, als sich salongemäß zu benehmen“, wie der Schriftsteller Sandor Marai bewundernd festhielt.

Eine Heimatlose war sie ihr Leben lang - zunächst als Diplomatentochter, die an verschiedensten Schulen quer durch Europa ausgebildet wurde, dann als unglückliche Ehefrau des Barons Zur Mühlen im Baltikum, als Kranke auf Kur in Davos, schließlich als Exilantin, die dem Vormarsch der Nationalsozialisten immer weiter weichen musste. Stefan Klein war Jude, sie selbst bekennende, viel publizierende Kommunistin. Die Liebe zum Sozialismus hatte sie schon in der Kindheit entdeckt - „mit unschuldigem Größenwahn“ notierte sie in ihr Tagebuch: „Morgen werde ich fünfzehn und habe noch immer nichts getan, um die Welt zu verbessern“, wie sie im „Nachtrag“ zu ihren Lebenserinnerungen „Ende und Anfang“ berichtet.

Den Niedergang des Adels sieht sie nicht nur voraus - sie sieht ihm idealistisch entgegen: „Hinter mir lag die sterbende Welt der Privilegien, vor mir die neue lebensvolle, die erst im Entstehen begriffen ist.“ Entstanden sind dabei vor allem unzählige Texte, Zeitgenossen erinnern sich an eine charismatische Frau, die stets über die Schreibmaschine gebeugt war. Den Lebensunterhalt verdiente sie mit Übersetzungen, sie schrieb Feuilletons, Romane, Erzählungen und dutzende Märchen, in denen die Sache der Klassengerechtigkeit an althergebrachten erzählerischen Topoi, in klarer, direkter Sprache durchdekliniert wird. Illustriert wurden sie von Größen wie George Grosz und John Heartfield. Zynismus und Ambivalenz sind ihr fremd, ihr Ausdruck ist stets geschmackvoll, manchmal verspielt, nie selbstverliebt. Stets wird Position bezogen. Schon das macht sie im Kanon ihrer literarischen Zeitgenossen zur Ausnahmeerscheinung.

An Alleinstellungsmerkmalen fehlt es ihr wahrlich nicht - auch und gerade weil sie in künstlerischer Hinsicht keinen Wert auf sie gelegt hat. Und auch nicht an einer weitsichtigen Deutlichkeit, die ihr Werk auch heute beklemmend relevant macht. Die Zeit nach 1919 sei „eine Zeit der Schlagworte und, wenn ich das Wort prägen darf, der Schlaggedanken“ gewesen, hält sie in ihren Erinnerungen fest. „(...) also eines der gefährlichsten Dinge, die es gibt.“ Die Buchpräsentation mit Felicitas Hoppe, die ein einleitendes Essay verfasst hat, sowie mit einer Lesung durch Christiane von Poelnitz findet am 17. Juni im Kasino am Schwarzenbergplatz statt.

(S E R V I C E - Hermynia Zur Mühlen: „Werke“. Herausgegeben von Ulrich Weinzierl, Essay von Felicitas Hoppe. Im Auftrag der Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung. Zsolnay Verlag, 4 Bände im Schuber, 2.432 Seiten. 50,40 Euro. Erscheint am 13. Mai. Buchpräsentation und Lesung am 17. Juni, 20 Uhr, Kasino am Schwarzenbergplatz.)




Kommentieren