Letztes Update am Fr, 10.05.2019 18:28

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Filmfestspiele Cannes - Jessica Hausner „interessiert die Ambivalenz“



Cannes (APA) - Die 46-jährige Wiener Filmemacherin Jessica Hausner ist heuer schon zum fünften Mal zu den Filmfestspielen von Cannes eingeladen. Ihr Science-Fiction-Thriller „Little Joe“ feiert am 17. Mai im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere. Kurz nach Fertigstellung des Films und vor der Abreise nach Cannes gab es heute zehn Minuten Zeit für ein paar Fragen.

APA: Frau Hausner, erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Antreten in Cannes, als Sie 1999 Ihre Filmakademie-Abschlussarbeit „Inter-View“ in der Nachwuchsschiene Cinefondation gezeigt haben?

Jessica Hausner: Ich habe das sogar noch recht genau in Erinnerung, denn ich habe dort Philippe Bober kennengelernt, der seither den Weltvertrieb meiner Filme macht und auch ihr Koproduzent ist. Ich denke, dass er wesentlich daran beteiligt war, dass meine Filme international gezeigt wurden.

APA: Danach wurde sie 2001 mit ihrem ersten Spielfilm „Lovely Rita“, 2004 mit „Hotel“ und 2014 mit „Amour Fou“ jeweils in die Reihe Un Certain Regard eingeladen. Ist die Teilnahme am Wettbewerb nun ein Sprung in andere Kategorie?

Hausner: Doch, ich habe schon das Gefühl, dass Interesse und Aufmerksamkeit diesmal viel größer sind. Das Interesse von Verleihern und Journalisten ist massiv mehr als zu der Zeit, als meine Filme in Un Certain Regard liefen.

APA: In Venedig nahmen Sie nicht nur 2009 mit „Lourdes“ am Wettbewerb teil, sondern saßen 2014 auch selbst in der Jury. Wie beurteilen Sie die Jury heuer in Cannes? Überlegt man im Vorfeld bereits, ob man theoretisch Chancen hätte?

Hausner: Wie Sie richtig sagen, war ich schon in Jurys und habe dabei gelernt, dass man es wirklich nicht vorher ausrechnen kann. Manchmal ist man ganz überrascht, was wem gefällt. Ich finde das immer sehr geheimnisvoll. Ich finde, dass die Jury heuer sehr interessant ist. Kelly Reichardt und Alice Rohrwacher sind zwei Frauen, die sehr moderne und künstlerische Filme machen, auch Giorgos Lanthimos ist in der Jury. Das sind schon drei, deren Arbeiten ich toll finde. Insofern wird das sicher sehr spannend, welche Filme sie auswählen werden.

APA: Sie haben zwei Regisseurinnen in der Jury erwähnt. Die geringe Präsenz von Frauen im Wettbewerb wurde in den vergangenen Jahren viel diskutiert. Braucht es eine Quote?

Hausner: Vier Filme von Frauen sind schon mal mehr als zwei Filme, insofern ist das ein Schritt nach vorne. Ich glaube, dass der Druck nach mehr Präsenz von Frauen in den Festivals und in der Filmbranche größer geworden ist - und ich glaube, das ist die erste Bewegung in diese Richtung. Wenn diese Entwicklung so weitergeht und man das ohne Quote hinkriegt, ist das sicher eleganter. Eine Quote ist ein Brachialinstrument, um Gleichheit herzustellen, aber in manchen Bereichen notwendig - zum Beispiel in der Filmfinanzierung.

APA: Gutes Stichwort: Die Neubesetzung des österreichischen Filmförderungs-Beirats für „Innovativen Film“ hat in der Branche für viel Kritik gesorgt. Was ist Ihre Position?

Hausner: Ich habe bis gestern Nacht noch meinen Film fertiggestellt und das Ganze bisher nur am Rande mitbekommen. Ich würde das gerne für mich überdenken, ehe ich mich dazu äußere.

APA: „Little Joe“ ist Ihr erster englischsprachiger Film. Warum haben Sie sich nun für die englische Sprache entschieden?

Hausner: Einerseits kommt die englische Sprache diesem Film insofern entgegen, als dass er die Variation eines Genrefilmes ist und daher gut dazu passt: knappe, kurze, präzise Sprache. Man kann Wichtiges sagen, ohne pathetisch zu klingen. Außerdem bin ich abenteuerlustig und bewege mich gerne aus meinem gewohnten Umfeld hinaus. Es war wirklich ein Abenteuer. Wir kannten niemanden in England und haben eines Nachmittags einfach ein paar Firmen angerufen, ob sie mit uns koproduzieren wollen.

APA: Wie viel wurde dann auch in England gedreht?

Hausner: Die Hälfte: drei Wochen in England, drei Wochen in Österreich. Vieles funktioniert in England anders, als wir es gewohnt sind. Ich finde das aber spannend und bereichernd, und es ist auch für den Film gut. Jeder Koproduzent ist gewinnbringend, denn ein Film wird vielseitiger, wenn Leute aus verschiedenen Ländern daran arbeiten.

APA: Es geht um Gentechnik, das ist ein heißes, aktuelles Thema. Geht es Ihnen dabei auch um gesellschaftliche Dystopien, oder ist das Thema nur ein Mechanismus, um etwas anderes zu transportieren?

Hausner: Hm, vielleicht sogar beides. Dystopie ist er aber weniger. Ich denke, dass mein Film eine Art Happy End hat. Ich bin kein Fan von Science-Fiction-Filmen, wo am Ende alles schrecklich ist und alle gleichgeschaltet im Gleichschritt durch die Gänge marschieren. Mich interessiert die Ambivalenz an dem Thema Gentechnik. Es ist etwas, womit wir uns anfreunden werden müssen. Insofern handelt mein Film davon, dass diese neue Erfindung gute Seiten und schlechte Seiten hat. Etwas einfach den Bach runtergehen lassen, wäre mir zu einfach. Ich interessiere mich immer für die Vielschichtigkeit eines Themas.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Jessica Hausner wurde am 6. Oktober 1972 in Wien geboren und hat an der Wiener Filmakademie studiert. Schon ihre erste Arbeit, der Kurzfilm „Flora“ (1996), der sich mit dem Erwachsenwerden beschäftigt, wurde in Locarno ausgezeichnet. „Little Joe“ ist nach „Lovely Rita“, „Hotel“, „Lourdes“ und „Amour Fou“ ihr fünfter Langspielfilm. Er handelt von der alleinerziehenden Gentechnikerin Alice (Emily Beecham). Sie hat eine rote Pflanze entwickelt, die schön aussieht, gut riecht und Menschen glücklich macht - aber vielleicht nicht so harmlos ist, wie sie scheint. Der majoritär von der - von Hausner mitbegründeten - Wiener Coop99 produzierte Film ist ihre erste auf Englisch gedrehte Arbeit, aber bereits ihr fünftes Antreten in Cannes.




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