Letztes Update am Sa, 11.05.2019 10:35

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Die unsichtbare Hand“ als packender Psychothriller in Salzburg



Salzburg (APA) - Das Opfer wird zum Täter, um das eigene Leben zu retten. Nach gut eineinhalb Stunden Psycho-Thriller, gab es bei der Österreichischen Erstaufführung von Ayad Akhtars „Die unsichtbare Hand“ großen Applaus im Schauspielhaus Salzburg. Bei der letzten Premiere der aktuellen Saison macht es Regisseur Florian Hackspiel dem Publikum aber nicht unbedingt leicht.

Viele Fachtermini der Finanzwelt fliegen über die Bühne, aber viel schwerer ist der psychologische Druck, der in kürzester Zeit vom Protagonisten auf die Zuschauer überspringt. In Akhtars Vier-Personen-Stück wird ein amerikanischer Banker in Pakistan versehentlich Geisel eines Imams, der mit dem Lösegeld vermeintlich Gutes tun will. Da er, im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, der eigentlich entführt werden sollte, nicht wichtig genug für seinen Arbeitgeber ist und er selbst nicht über die geforderte Lösegeldsumme von zehn Millionen verfügt, muss Nick Bright (Bülent Özdil) kreativ werden. Der Imam Saleem (Antony Connor) gibt ihm letztlich die Chance, seine Freiheit wortwörtlich zu verdienen.

Pulitzer-Preisträger Ayad Akhtar ist ein Meister der Figurenporträts, denen Regisseur Hackspiel volle Wirkungsfreiheit auf einer reduzierten, wenngleich bedrückenden Bühne gibt. Brights Zelle ist ein schwarzer Kasten (Bühne: Annett Lausberg), den Rest übernimmt die Akustik mit Drohnengeräuschen, entfernten Minarettgesängen und Musik von Philipp Tröstl. Die vier verschiedenen Charaktere reichen aus, um das Stück, das irgendwo zwischen Polit- und Psychothriller pendelt, stets packend zu halten.

Als Nick soll Bülent Özdil Bashir (Christopher Schulzer), den Handlanger des Imams in die Kunst der Börsenspekulation einführen, um so das Lösegeld zu erwirtschaften. Gut und Böse scheinen in dieser Konstellation klar verteilt, doch die Grenzen verschieben sich schnell. Bashir fängt an, echte Bewunderung für seinen Gefangenen zu entwickeln, vertraut sich ihm letztlich sogar an, während Nick nicht mehr weiß, ob die Sympathie seinem Schüler gegenüber wirklich nur noch taktisch gespielt, oder schon echt empfunden ist. Durch dieses Wechselbad der Gefühle schwimmen Özdil und Schulzer als perfekt harmonierende Spielpartner, was in einer nervenaufreibenden Trade-Szene gipfelt, in der Nick in spielfilmartiger Geschwindigkeit versucht, Bashirs Geldgier zu stoppen.

Geldgier wird auch dem Imam zum Verhängnis, den Antony Connor als großmütigen und zugleich grausamen Anführer anlegt, was er selbst als Gefangener nicht ablegen kann. Als Vierter im Bunde wacht darüber der vermeintlich naive Wächter Dar (Thomas L. Hofer), der allerdings selbst Profit aus seinem Gefangenen schlägt und sich Tipps für ein Spekulationsgeschäft mit Kartoffeln holt.

Spätestens als Nick anfängt, mit Bashir auf den Mord an einem mächtigen Staatsmann zu spekulieren, hat er die Grenze zwischen Opfer und Täter überschritten, auch wenn ihm sein Schüler verspricht, kein Blut an den Händen kleben zu haben, darf sich das Publikum spätestens hier fragen: Was ist der Preis der Freiheit? Wer ist der Teufel in diesem Geschäft? Mit vielen solchen Fragen entlässt Akhtar das Publikum. Doch trotz aller Anspannung applaudiert das begeistert, vor allem und vollkommen verdient den vier starken Charakterdarstellern.

(S E R V I C E - Ayad Akhtar: „Die unsichtbare Hand“. Regie: Florian Hackspiel, Bühne: Annett Lausberg, Musik: Philipp Tröstl, Dramaturgie: Tabea Baumann, Licht: Ivan Divkovic. Auf der Bühne: Nick Birght: Bülent Özdil, Bashir: Christopher Schulzer, Imam Saleem: Antony Connor, Dar: Thomas L. Hofer, weitere Termine: 13., 15., 16., 17., 22. und 26. Mai, www.schauspielhaus-salzburg.at)




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