Letztes Update am So, 12.05.2019 09:55

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen - Lustvoller Auftakt in der Donaustadt



Wien (APA) - Herztöne mit Polizeieinsatz, Fahnenschwingen mit Stroboskop-Effekt und lebendige Bücher: Die Wiener Festwochen haben nach der offiziellen Eröffnung am Rathausplatz nun auch in der Donaustadt ihre Zelte aufgeschlagen - und am Samstagnachmittag bei zunächst sonnigem Frühlingswetter mit einem erfrischend vielfältigen Zugang überzeugt.

Zahlreiche Menschen in teuren Turnschuhen und schwarzen Hosen starrten am frühen Nachmittag auf ihre Smartphones, um sich vom Navi ihrer Wahl zum Alfred-Klinkan-Hof in Wien-Donaustadt führen zu lassen. Dort - lediglich von einem kleinen „Festwochen“-Schild angekündigt - fand die erste Performance statt. „Beat House Donaustadt“ nennt sich jene Sound-Installation, in deren Rahmen die Künstlerin Anna Witt im Vorfeld Herztöne der Bewohner des Gemeindebaus aufgenommen hat, die diese dann bei offenem Fenster über ihre Stereoanlagen abspielen sollten, um sie - ganz dem Gedanken der Gemeinschaft und Solidarität verpflichtet - zu einem „kollektiven Sound“ zu verschmelzen. Tatsächlich wummerte es ab 16 Uhr im Klinkan-Hof, die Bewohner hatten sich vorsorglich in ihre vier Wände verzogen. Und so konnte das sichtbar innerstädtische Festwochenpublikum - vorerst ungestört - dem Herzschlag des Außenbezirks lauschen.

Doch damit nicht genug: Genüsslich zückten die Besucher ihre Smartphones, um die auf ihren Balkonen neben den Satellitenschüsseln in Stellung gebrachten Bewohner zu fotografieren - und diese fotografierten zurück. Der seltene Massenauflauf im Hof inspirierte gar einen jungen Mann, statt des Herzschlags Falcos „Vienna Calling“ durch seine Boxen zu jagen - exakt eine Minute und 20 Sekunden lang, bis sich die bereitstehenden Polizisten auf einen Wink von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) demonstrativ auf den Weg zur betreffenden Stiege machten, um den jungen Mann zu belehren. Wie zu hören war, habe er es ausnützen wollen, „einmal so viele Leute im Hof“ zu haben. Aktionismus im Außenbezirk. Als der letzte Herzschlag schließlich nach 30 Minuten verklungen war, zog der Tross in die Festivalzentrale in der Erste Bank Arena hinter der U-Bahn-Station Kagran.

Dort warteten bereits Vorboten der nächsten Performance: Mit einer riesigen schwarzen Flagge, die in der Bewegung einem dunklen Vogelschwarm am Himmel glich, wurden die Besucher empfangen. „Wir haben uns diesmal vorgenommen, in die Stadt hinaus zu gehen“, begrüßte die Kulturstadträtin die Besucher der Halle. In elf Bezirken werde man in den kommenden Wochen auf die Wiener Festwochen treffen. Nachdem Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy die Besucher „im schönsten Wiener Bezirk“ begrüßt hatte, schritt schließlich der neue Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder ans Mikrofon, um die Gäste zunächst auf Deutsch zu begrüßen. „Was bedeutet es, ein Stadt-Festival zu sein?“, fragte der Belgier schließlich wieder auf Englisch. „Wie interagieren wir mit der Stadt?“ Eine mögliche Antwort sei das einwöchige Programm in der Donaustadt („ein kleines Festival im Großen“). Dies sei „ein Versuch“. „Wir müssen irgendwo anfangen.“

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Die schwarze Flagge, die im Anschluss im Rahmen von Ula Sickles „Relay“ fünf Stunden lang von unterschiedlichen Performern geschwungen werden sollte, ist von den zahlreichen Protesten der vergangenen Jahre inspiriert und wurde selbst bei der Staffelübergabe stets in sanfter Bewegung gehalten. Unterdessen strömten bereits die ersten Besucher von Mariano Pensottis „Diamante“ zur Premiere. In der ersten Pause der fünfeinhalbstündigen Eröffnungsproduktion überraschte eine Schrei-Performance die Zuschauer am Hallen-Vorplatz: Bouchra Ouizguen ließ marokkanische und österreichische Frauen in schwarzen Gewändern und weißen Kopftüchern ein Köpfe-schwingendes Ritual ausführen, das in diesem Ambiente sich sehr exotisch ausnahm und zumindest die schwarzen Wolken in Schach hielt. In der zweiten Pause wäre die Performance bereits ins Wasser gefallen.

Andere Gäste trafen sich im Laufe des Nachmittags mit ihren „lebendigen Büchern“. Im Projekt der Künstlerin Mette Edvardsen bekommen Besucher die Möglichkeit, jeweils eine halbe Stunde mit einem Schauspieler zu verbringen, der im Rahmen des Projekts „Time has fallen asleep in the afternoon sunshine“ aus Büchern wie Rainald Götz‘ „loslabern“, Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ oder Friederike Mayröckers „Paloma“ rezitiert. Angesichts der anspruchsvollen Lektüre ein nicht gerade einfaches Unterfangen, wenn man sich direkt neben dem angrenzenden Spielplatz niederlässt, wie sich beim APA-Termin zeigte. Skateboards und Sätze ohne Interpunktion vertragen sich nur bedingt. Das Leben rund um die Erste Bank Arena geht also trotz der Festwochen weiter. Bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere Anrainer in den kommenden Tagen auch in die Halle findet.

(S E R V I C E - www.festwochen.at)




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