Letztes Update am So, 12.05.2019 09:58

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Nach uns das All“ im Volx/Margareten: Endzeit-Casting mit Humor



Wien (APA) - Fans von Sibylle Berg haben in diesem Frühjahr allen Grund zur Freude: Nicht nur feiert die deutsche Autorin derzeit Erfolge mit ihrem Roman „GRM - Brainfuck“ - auch zwei ihrer Stücke sind in Wien zu Gast. Bevor das „Hass-Triptychon“ am 24. Mai bei den Wiener Festwochen zur Uraufführung kommt, begeisterte Felix Hafner Samstagabend im Volx/Margareten mit „Nach uns das All“.

Ein silber-glitzender Lamettavorhang und eine überdimensionale Matratze mit vielen Polstern und Decken: Mehr braucht Hafner nicht, um für Bergs wuchtigen Zukunftstext einen gebührenden Rahmen zu schaffen. Ausgefüllt wird dieser in der knapp 90-minütigen Vorstellung von den sechs Darstellern, die Teil drei der „Menschen mit Problemen“-Serie zum Leben erwecken. Sibylle Berg zeichnet darin eine Art Casting-Show für eine Reise zum Mars. So müssen die auserwählten Frauen zwecks Fortpflanzung geeignete Männer finden, um sie bei der geplanten Besiedelung des Planeten zu begleiten.

Doch so einfach ist das nicht: In einer Welt, in der Frauen von Männern eigentlich schon genug haben und auf eigenen Beinen recht gut stehen können, sollte ein Mann doch mehr bieten, als sich ab und zu zu waschen. Doch die Zeit drängt: Die nicht-intellektuelle Mehrheit hat das Ruder übernommen, das Hören von Blasmusik ist auf der Erde inzwischen Pflicht, das Verzehren von Tofu-Schnitzeln hingegen verboten. Sibylle Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wieviele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden kann er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft.

Hafner, 2017 mit dem Nestroy-Preis für den „Besten Nachwuchs“ für seine Volkstheater-Inszenierung „Der Menschenfeind“ ausgezeichnet, hat sich für drei Frauen und drei Männer entschieden, die jedoch fließend ineinander übergehen, oft im Chor sprechen und nur ab und zu als Individuen hervortreten. Unterfüttert hat der Regisseur die Trio-Situation mit Anspielungen auf Tschechows „Drei Schwestern“. Und so werden im Laufe des Abends nicht nur Gemma, Lina und Minna angerufen, sondern auch Olga, Irina und Mascha. Nicht immer ist es der Mars, manchmal ist es einfach nur der Sehnsuchtsort Moskau.

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Mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll treten starke, selbstironische Frauen in den Ring, die ihre Kandidaten - Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm - auf Herz und Nieren für die bevorstehende intergalaktische Reise prüfen. Dass Männer hier lediglich als Samenspender fungieren, scheint ihnen selbst am meisten auszumachen. Und so versuchen sie, die drei Frauen von sich und ihren Qualitäten zu überzeugen. Und tatsächlich kippt die Situation immer wieder (kurz), die drei Frauen rekeln sich zwischen den Laken und geben sich lüsternen Fantasien hin, nur um kurze Zeit später wieder den weiblichen Macho raushängen zu lassen und die Männer in ihre Schranken zu verweisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner ein starker Abend gelungen, der das Publikum nicht nur über die Zukunft, sondern auch über die von Social Media und Nationalismus geprägte Gegenwart nachdenken lässt. Langer Applaus beschloss einen Abend, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen?

(S E R V I C E - „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ von Sibylle Berg im Volx/Margareten. Regie: Felix Hafner. Bühne und Kostüme: Camilla Hägebarth. Mit Peter Fasching, Anja Herden, Saskia Klar, Isabella Knöll, Sebastian Plass und Lukas Wurm. Weitere Termine: 11., 14., 21. und 27. Mai sowie 5., 7. und 14. Juni. Infos und Tickets unter www.volkstheater.at)




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