Letztes Update am So, 12.05.2019 11:01

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Salzburger Landestheater zeigt gesellschaftskonforme „Volksfeindin“



Salzburg (APA) - Mit einem weiblichen Volksfeind wollte Amelie Niermeyer Henrik Ibsens Vorlage „Ein Volksfeind“ in die Gegenwart holen, denn das gesellschaftskritische Original ist mit seiner Thematik heute aktueller denn je. Bei der Premiere am Samstagabend im Salzburger Landestheater zeigte sich, dass nicht die Umwandlung des Geschlechts, sondern der Zeit Probleme schuf.

Der norwegische Dramatiker Ibsen schrieb 1882 ein Werk, das vor Gesellschaftskritik nur so strotzte. Es stellte die öffentliche Meinung an den Pranger, die viel zu oft mit der Wahrheit verwechselt wird. Ein Badearzt wird zum Volksfeind erklärt, weil er die Verunreinigung des Thermalwassers beweisen kann und die Bereinigung Geld und Ruf des Kurortes kosten würde. Der Arzt, Verfechter der Wissenschaft und Familienvater, zieht gegen die Gesellschaft in den Krieg.

Regisseurin Amelie Niermeyer hat mit ihrem Team für das Salzburger Landestheater eine modernisierte Fassung erarbeitet, bei der sie laut Programmheft den Grundkonflikt behalten und auf aktuelle Relevanz befragen wollte. So kommt es, dass der Badearzt zur Badeärztin und damit der Volksfeind zur Volksfeindin wird.

So gesellschaftskritisch Ibsen Ende des 19. Jahrhunderts auch war, eine Frau als revolutionäre Wissenschafterin wäre schon alleine am Zeitgeist gescheitert, heute ist das anders und sogar normal. So hat Niermeyer aus Dr. Stockmann eine alleinerziehende Mutter gemacht, die gegen die Lokalpresse, die um ihre Bedeutung kämpft, und den eigenen Bruder, der um sein Bürgermeisteramt kämpft, in den Krieg zieht.

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Während zu Ibsens Zeiten die Presse noch die höchste Gewalt in puncto Meinungsmache innehatte, ist es heute das Internet. Max Koch ringt als Chefredakteur der Lokalzeitung um die Bedeutung seiner unabhängigen Berichterstattung, lässt sich dann aber, als das Gutachten über das verseuchte Wasser auftaucht und sein unabhängiger Journalistenethos endlich zum Zug kommen könnte, vom Bürgermeister einschüchtern. Bis zur Pause war Niermeyer mit ihrer Übersetzung auf einem guten Weg, ein kritisches Abbild von Lokalpolitik und -presse zu zeichnen, was zwar nicht an das revolutionäre Ausmaß des Ibsen-Textes herankommt, aber zumindest der Gesellschaft einen Spiegel vors Gesicht halten kann.

Aus der Volksversammlung und letztendlichen Verurteilung des Volksfeindes bei Ibsen wird im Heute eine Talkshow, bei der Stockmann zusammen mit ihrem Bruder, dem Chefredakteur und der Vorsitzenden der Hausbesitzervereinigung geladen ist. Und diese Talkshow wird zum Genickbruch der modernisierten Version. Die Rolle eines schmierigen Moderators (Thomas Huber) wird ins Stück geschrieben, der den Überlebenskampf des Fernsehens verkörpert, bei dem es nur noch um Skandale und Quoten geht und für diese sorgt er auch.

Die Idee ist grundsätzlich klug gedacht, Nikola Rudle liest als Online-Korrespondentin begleitende Kommentare über Dr. Stockmann aus den Sozialen Medien vor, die nicht tiefer unter die Gürtellinie gehen könnten und leider dem traurigen Alltag im Netz entsprechen. Marco Dott stört als aufmüpfiger Zuschauer die Liveübertragung mit kritischen Fragen, das Publikum wird zum Fernsehpublikum und aktivem Teilnehmer der Volksversammlung. Und immer dann, wenn es gerade richtig unangenehm werden könnte, der Zuschauer die Möglichkeit hätte zu hinterfragen, wie leicht man sich eigentlich tatsächlich von öffentlicher Meinungsmache beeinflussen lässt und auch, wie absurd dies ist, kommt eine flapsige Anspielung oder Slapstickeinlage des Moderators und zieht die ernsthafte Problematik ins Lächerliche. Diesen Elfmeter, aktuelle Gesellschaftskritik auf der Theaterbühne zu zeigen, hat Niermeyer damit endgültig verschossen.

Darstellerisch wurde am Samstagabend Großes im Landestheater geleistet. Juliane Köhler machte aus der Volksfeindin eine leidenschaftliche und hoch emotionale Frau, die gegen Christoph Wieschke als den eigenen Bruder kämpft, der unreflektiert und machtgierig am Ende noch die eigene Familie verkaufen würde. Anna Seeberger als ihre Bühnentochter musste sich keinesfalls hinter diesem Paar verstecken. Die Glanzleistung des Ensembles wurde unter anderem von den flotten, fast spielfilmartigen Dialogen unterstützt, die die Neufassung sehr authentisch machen. Davon lässt sich letztlich auch das Publikum beeindrucken, das den Schauspielern großen Applaus spendet. Mit „Die Volksfeindin“ hat das Landestheater damit gute Unterhaltung, aber keine Aussage geboten, aber letztlich ging es an diesem Abend ja auch nicht um die Bedeutung des Theaters für die Gesellschaft.

(S E R V I C E - „Die Volksfeindin“ nach Henrik Ibsen. Inszenierung: Amelie Niermeyer, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüm: Nicole von Graevenitz, Musik: Jacob Suske, Dramaturgie: Frank Max Müller, Friederike Bernau, Übersetzung: Angelika Gundlach. Auf der Bühne: Doktor Katrin Stockmann, Badeärztin: Juliane Köhler; Petra, ihre Tochter: Anna Seeberger; Peter Stockmann, Bruder der Ärztin, Bürgermeister: Christoph Wieschke; Hovstadt, Redakteur des „Volksboten“: Max Koch; Billing, Mitarbeiter des „Volksboten“: Marco Dott; Aslaksen, Vorsitzende der Hausbesitzervereinigung: Britta Bayer; Online-Korrespondentin: Nikola Rudle; Moderator: Thomas Huber. Weitere Vorstellungen: 12., 16., 22., 24. und 30.5., www.salzburger-landesthater.at)




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