Letztes Update am So, 12.05.2019 15:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Die Leiden der Mittelschicht im Iran



Teheran (APA/AFP) - Ein Jahr nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen befindet sich die Wirtschaft im Iran auf Talfahrt. Die seit August von Washington verhängten Sanktionen befeuern die Inflation und lassen die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen. Der Lebensstandard insbesondere der Mittelschicht in dem streng konservativen Land sinkt drastisch, die Hoffnungen vieler Menschen auf Wohlstand lösen sich in Luft auf.

So wie bei Alireza. Bis vor wenigen Monaten arbeitete der heute 42-Jährige, der seinen Familiennamen lieber nicht nennen will, in einer Niederlassung des französischen Autokonzerns PSA. Dort habe er gutes Geld verdient, vom Kauf einer Wohnung und eines Autos geträumt. „Als das Abkommen funktionierte, erlebten wir wirklich eine Boom-Phase“, sagt er. „Man musste sich keinerlei Sorgen machen.“

Doch dann kam der Schock. Am 8. Mai 2018 verkündete US-Präsident Donald Trump einseitig den Ausstieg seines Landes aus dem mühsam ausgehandelten internationalen Atomabkommen mit Teheran. „Alles wurde auf den Kopf gestellt“, erinnert sich Alireza.

Die meisten der ausländischen Firmen, die nach dem Abkommen aus dem Jahr 2015 im Iran investiert hatten, zogen sich wieder zurück oder schränkten ihr Geschäft drastisch ein. Darunter befanden sich der deutsche Siemens-Konzern, die französischen Autobauer PSA und Renault und der Ölkonzern Total.

Die iranische Wirtschaft brach zusammen. Im vergangenen Jahr ging das Bruttoinlandsprodukt nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) um 3,9 Prozent zurück. Für dieses Jahr sagt der IWF einen Rückgang von sogar sechs Prozent voraus.

Es könnte allerdings noch schlimmer kommen. Die Prognosen wurden vor der jüngsten Ankündigung der USA aufgestellt, die Ausnahmen für den Ölexport des Iran in acht Ländern zu streichen. Washington setzt damit auf „maximalen Druck“ im Atomstreit mit Teheran. Die iranische Mittelschicht fürchtet dagegen eine Rückkehr der mit traumatischen Erinnerungen verbundenen großen Rezession der Jahre 2012 und 2013.

Bereits jetzt bekommen Angehörige der Mittelschicht wie Alireza die Folgen der US-Sanktionen unmittelbar zu spüren. Er verlor zusammen mit hunderten Kollegen seinen Job bei PSA. „Seither suche ich überall nach einer neuen Arbeit, aber vergeblich“, sagt der 42-Jährige. Aus der Arbeitslosenversicherung erhalte er weniger als die Hälfte seines letzten Einkommens. Das Gehalt seiner Frau, die noch einen Job hat, kann die Verluste nicht ausgleichen.

Zugleich zogen die Preise massiv an. Die Inflation liegt nach Angaben der Behörden nun bei jährlich 51 Prozent. Vor einem Jahr hatte die Inflation noch acht Prozent betragen. Die Löhne stiegen nicht ansatzweise im gleichen Maße.

Besonders Lebensmittel sind davon betroffen. Ein Vertreter der iranischen Lebensmittelindustrie sprach von Preiserhöhungen um 70 Prozent seit März 2018. Bis Juli dieses Jahres drohen demnach weitere Steigerungen um 20 Prozent.

In manchen Geschäften in Teheran wird Fleisch knapp. Pistazien, die von iranischen Festen bisher nicht wegzudenken waren, sind mittlerweile ein Luxusgut. Auch Wohnen wird deutlich teurer: Seit März 2018 verdoppelten sich die Wohnungspreise in Teheran, wie die iranische Zentralbank vorrechnet.

Für Alirezas Träume von einem besseren Leben bedeutete diese Entwicklung das vorläufige Ende. „Die Immobilienpreise sind in die Höhe geschnellt“, klagt er. „Und inzwischen ist es auch praktisch unmöglich, ein Auto zu kaufen.“ Hoffnungen auf eine rasche Kehrtwende macht er sich nicht. „Ich sehe für meine Zukunft kein Anzeichen für eine Verbesserung.“




Kommentieren