Letztes Update am Mo, 13.05.2019 09:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen: Öhrn provoziert mit Blut, Sperma und Scheiße



Wien (APA) - Mechanismen des Machtmissbrauchs im Kulturbereich hat sich der schwedische Künstler Markus Öhrn für seine diesjährige Produktion bei den Wiener Festwochen vorgenommen. Am Sonntagabend feierte die erste von „3 Episodes of Life“ im Studio Moliere Premiere. Neben #MeToo hinterfragt Öhrn diesmal die Produktionsbedingungen von Kunst. Seine Mittel: Menstruationsblut, Sperma und Scheiße.

Einen guten Magen brauchte das Publikum bereits im Vorjahr, als der Schwede, der eigentlich aus der bildenden Kunst kommt, mit „Häusliche Gewalt“ mehrere Stunden lang die auf- und abschwellenden Prügelattacken eines Ehemanns durchexerzierte. Auch diesmal steht die Gewalt im Zentrum, auch diesmal sind verstörende Masken ein stilistisches Mittel, um die Austauschbarkeit des Gezeigten zu unterstreichen. Während sich die Darsteller im Vorjahr auf der Bühne verausgabten, greift Öhrn diesmal auf vorab produziertes Filmmaterial zurück, das er auf die Rückwand der Bühne in Form eines „Silent Movie Theatre“ projiziert. Den dazugehörigen Sound produzieren Dorit Chrysler am Theremin und Arno Waschk am Klavier.

80 schmerzvolle Minuten beobachtet das Publikum eine Probenszene, in der eine neue Tänzerin zu einem eingespielten Trio stößt, das sich bald explizit auf dem Boden rekelt, Kopulationsbewegungen simuliert und sich schließlich nackt mit in Flaschen und Gläsern vorbereiteten Exkrementen beschmiert. Angefeuert und beobachtet werden sie dabei von ihrem Choreografen, der seinen Tänzerinnen zuruft: „Fickt den Boden. Fickt ihn! Fickt!“. Die neu hinzugestoßene Tänzerin hätte an mehreren Stellen die Möglichkeit, dem Geschehen den Rücken zu kehren. Die der Maske eingebrannte Mimik verströmt Verzweiflung, der obszön geweitete Mund scheint nach Hilfe zu rufen. Der innere Kampf - gehen oder bleiben, Karriere oder nicht - spiegelt sich allein in ihren mal zögerlichen, mal angewiderten Bewegungen.

Eine Szene auf der Toilette - in der der spätere Einsatz des Kots bereits angedeutet wird - gerät zum Höhepunkt des inneren Konflikts: „Du schaffst das! Los geht‘s!“ ist das (als Untertitel eingeblendete) Fazit. Überhaupt werden jegliche verbalen Äußerungen ausschließlich eingeblendet - ganz in der Tradition des Stummfilms. Die Spirale aus sexualisierter Gewalt dreht sich unterdessen weiter. Zum Druck, den Choreografen beeindrucken zu wollen, kommen die Machtspielchen der anderen Künstlerinnen, die „die Neue“ nur zögerlich akzeptieren. Wie Öhrn die Abscheulichkeit in den kommenden beiden Episoden (Premieren am heutigen Montag und am morgigen Dienstag) noch steigern will, ist am Ende des Abends, den einige Besucher bereits währenddessen verlassen haben, schwer vorstellbar.

Was erwarten wir - also das Publikum - von Kunst? Wenn das Erleben bereits extrem ist, wie extrem ist die Produktion? Diese Fragen will Öhrn stellen, wie er vorab im APA-Interview erläuterte. Erschafft das Publikum das Regie-Monster selbst? Die Erwartungen hat Öhrn mit dieser Performance, in der Körperöffnungen frontal herangezoomt werden und die Kacke nur so sprudelt, mehr als überreizt. Was bleibt, ist ein Bewusstsein dafür, beim nächsten Theaterbesuch zu hinterfragen, unter welchen Bedingungen das Gezeigte entstanden ist. Die Bedingungen der gesichtslosen Darstellerinnen von Episode 1 - darunter Florentina Holzinger - wünscht man niemandem.

(S E R V I C E - Wiener Festwochen: „3 Episodes of Life“ von Markus Öhrn im Studio Molière, 9. Liechtensteinstraße 37. Konzept, Regie, Bühne und Video: Markus Öhrn. Masken und Kostüme: Makode Linde. Musik: Dorit Chrysler und Arno Waschk. Mit Janet Rothe, Jakob Öhrman, Florentina Holzinger, Netti Nüganen und Antonia Steffens. Termine: Episode 1 am 17., 24. und 31. Mai, 20.30 Uhr. Episode 2 am 13., 18., 25. Mai und 1. Juni, 20.30 Uhr, Episode 3 am 14., 19., 26. Mai und 2. Juni, 20.30 Uhr. Episode 1 - 3 am 9. Juni, 16 Uhr. Infos und Tickets unter www.festwochen.at)

(B I L D A V I S O - Bilder stehen im Pressebereich von www.festwochen.at zum Download bereit.)




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