Letztes Update am Di, 14.05.2019 06:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Frau ohne Schatten“ - Thielemann betätigt sich als „Fliesenleger“



Wien (APA) - Es wird die Opernpremiere des Jahres: Christian Thielemann dirigiert am 25. Mai eine neue „Frau ohne Schatten“ an der Wiener Staatsoper, genau 100 Jahre nach ihrer Uraufführung an ebendiesem Ort, genau 150 Jahre nach Eröffnung des Hauses. Vor der glanzvollen Festpremiere sprach der Maestro am Montag mit Journalisten: „Ein Kapellmeister ist wie ein Fliesenleger. Die Fugen müssen schön sein.“

Den Handwerker und Theaterpraktiker schätze er auch an Komponist Richard Strauss, betonte Thielemann - und interpretiert in diesem Sinne auch die Partitur, nahe an den Sängern, nahe an den praktischen Möglichkeiten des Raumes. „Was würde Strauss uns sagen, wenn er hier wäre? Na, dass man zu laut ist, wenn man die Sänger nicht hört!“, ist Thielemann überzeugt. Und selbst wenn da noch dreimal forte oder fortissimo steht - „das halte ich eher für Intensitätsangaben“. Weder Streicher, noch Bläser, noch Gesangsstimmen hätten zu Strauss‘ Zeit die Lautstärke besessen, die bei diesem Repertoire heute fast schon Standard geworden ist. Das leise Spiel, das Durchscheinen sämtlicher Instrumente und das Nicht-Schreien-Müssen der Sänger ist für ihn die echte Kunst an dieser Oper. „Den Krach müssen Sie sich schließlich erst einmal verdienen.“

Die zweite große Herausforderung des Stücks, für dessen Libretto Hugo von Hofmannsthal verantwortlich zeichnete, sei die Undurchdringlichkeit der Handlung. „Man versteht sie nicht so ganz - es ist ja auch ein Märchen, an dem jeder interpretieren kann. Strauss hat das analysiert und er hat uns in der Musik eine Geschichte in die Hand gegeben, der wir folgen können.“ Auch die Tatsache, dass die Oper diesmal gänzlich ohne Kürzungen gespielt wird, trage zum Verständnis bei. „Die Entwicklungen der Figuren treten dadurch klarer hervor.“ Bereits bei der Uraufführung hatte Strauss einige Striche vorgenommen - laut Thielemann vermutlich ebenfalls aus theaterpraktischer Rücksicht auf die Sängerinnen. „Für die ist es ja ungeheuerlich, was da veranstaltet wird.“

Bei der Uraufführung sang Maria Jeritza die Kaiserin, Lotte Lehmann die Färberin und Lucie Weidt die Amme, in der Jubiläumsausgabe werden die Partien ebenfalls von drei der führenden Opernstimmen ihrer Zeit gesungen: Camilla Nylund, Nina Stemme und Evelyn Herlitzius. Gänzlich unverändert ist das Papier, von dem dirigiert wird: Thielemann lieh sich aus dem Staatsopernarchiv die Uraufführungspartitur. „Die hat eine Aura“, schwärmt er, der aus Dresden, wo Strauss‘ „Arabella“ und „Elektra“ uraufgeführt wurden, die Arbeit mit dem Originalmaterial gewohnt ist. „Aber dort lässt man sie mir, weil ich der Chef bin“, berichtet der Sächsische Staatskapellmeister schmunzelnd. „Hier wird sie mir nach der Probe weggenommen und am nächsten Tag der nächste Akt aufgelegt.“

Regie führt Nachwuchsregisseur Vincent Huguet, „ein wunderbarer Partner“, so Thielemann, der nicht versuche, „politisch zu belehren“. Der Versuchung, das Stück ins Uraufführungsjahr 1919 zu versetzen und das Aufeinanderprallen der Kaiser- und Menschenwelt mit seiner märchenhaften Implosion als Zeitkommentar zum Ende der Monarchie und dem Zusammenbruch der Gewissheiten mit dem Ersten Weltkrieg zu deuten, ist er nicht erlegen. „Das ist so evident, dass ich es unglaublich platt gefunden hätte. Wir sind ja nicht in der Schule.“

Die Oper am Uraufführungsort zu dirigieren, bedeutet für Thielemann „eine schöne Verantwortung“, der sich alle Mitwirkenden bewusst seien. „Die Aufführungstradition schwingt in diesem Haus immer mit.“ Und das Stück sei dem Haus - vor allem aber dem Orchester - auf den Leib geschrieben. „Strauss hat für zwei Orchester komponiert: Meines (die Staatskapelle Dresden, Anm.) und eures. Zwei biegsame Orchester, die unsentimental und feingliedrig spielen.“ Orchester, mit denen man auch in dichter Instrumentierung, möglichst viel hörbar machen kann - „ohne dabei zum Gerichtsmediziner zu werden.“ Als Dirigent dürfe er „nicht zu viel Kopf, nicht zu viel Gefühl“ mitbringen. „Sich hingeben geht auf keinen Fall. Immerhin müssen die Sänger ja den Abend irgendwie überleben. Darüber wache ich.“ Und wenn die Balance stimmt, alle Fliesen ebenmäßig verlegt und verfugt sind, dann entfalte diese „Frau ohne Schatten“ eine Schönheit - „da fallen dir die Haare vom Kopf“.

Die Premiere, in der auch Stephen Gould, Sebastian Holecek und Wolfgang Koch singen, wird am 25. Mai auf Ö1 und via www.staatsoperlive.com live übertragen. Ebenso wie bei allen Folgevorstellungen kann man sie außerdem live am Karajan-Platz verfolgen. Die Premiere ist der Höhepunkt des Staatsopern-Geburtstagswochenendes, mit einer Matinee am Samstagvormittag und einem hochkarätig besetzten Open Air Konzert am nächsten Tag (26.) vor dem Haus.

(S E R V I C E - „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Dirigent: Christian Thielemann, Regie: Vincent Huguet. Bühne: Aurelie Maestre. Mit Stephen Gould, Camilla Nylund, Evelyn Herlitzius, Sebastian Holecek, Wolfgang Koch, Nina Stemme. Festpremiere am 25. Mai, 17. 30 Uhr. Reprisen am 30. Mai, 2., 6., 10. Juni. www.wiener-staatsoper.at)




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